von Michael EbmeyerAndrea Maria Schenkel: Finsterau"Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniertEli Pariser: Filter BubbleDer FUTTERblog - streng verdaulich!Kennzeichen T - 28.04.2012
Musik für real existierende und noch zu schaffende Filme oder für den Soundtrack im Kopf. TOM ASAM stellt aktuelle Alben vor, die nicht nur Cineasten ansprechen.
OVAL: O
„Music for Films“ ist der Titel eines der den Begriff Ambient prägenden Alben von Brian Eno. Es war kein Soundtrack, sondern Musik für einen imaginären Film. Seitdem werden unzählige Veröffentlichungen als filmmusikkompatibel bzw. Bilder assoziierend umschrieben. Vom Sound her entspricht das neue Album O von OVALnichtunbedingt den üblicherweise derart etikettierten Veröffentlichungen. Doch an dieser Stelle muss man weiter ausholen.
O ist das erste Album von OVAL seit beinahe einer Dekade. OVAL, ursprünglich im Bandkontext angelegt, besteht seit 1996 eigentlich nur aus Markus Popp. Dieser gilt aufgrund seiner Ende der 90er Jahre veröffentlichten Alben als entscheidender Mitbegründer eines Sounds den man mit "Clicks and Cuts“ bzw. „Glitch“ umschreibt. In dieser, an Genres wie Electronica, Ambient oder minimal Techno angrenzenden Nische hat er es zu einer derartigen Meisterschaft gebracht, dass ihm der Titel „der neue Brian Eno“ verpasst wurde.
Popp bezeichnet seine musikalischen Experimente eher als "Akustisches Design" denn als Musik. Und Musiker war er bisher streng genommen auch nicht. Er schuf Programme, die Musik generierten oder manipulierte Soundquellen und verarbeitete die daraus resultierenden Störgeräusche. Auf „O“ nun, wie auch auf der früher im Jahr erschienenen EP „Oh“, bedient sich Popp der klanglichen Möglichkeiten eines handelsüblichen Rechners und den zur Verfügung stehenden Sounds und Prozessoren.
Da er sich mit seinem neuen Instrument erst ausführlich auseinandersetzte dauerte es eben eine Weile. Dafür erwarten den Käufer nun sage und schreibe 70 Klangminiaturen. Auf CD 1 finden sich 20 längere Stücke inklusive Gitarren- und Drumsounds, während die 50 Stücke auf CD 2 Klingeltonlänge besitzen und den Aufmerksamkeitsspannen von Klebstoff schnüffelnden Ghettokids entgegenkommen. Ob denen allerdings die durchaus zwischen polyrhythmischen Phasierungen herausragenden Melodieansätze ins Ohr laufen, ist freilich fraglich.
Spannendes Album auf alle Fälle. Und wie sollte es anders sein: Die Tracks haben bereits ein Projekt inspiriert, bei dem diverse Film- und Videokünstler einminütige Filme zu den kleinen akustischen O´s drehen wollen!
Teho Teardo: Soundtrack Work 2004-2008
Bei Teho Teardo handelt es sich hingegen um einen Musiker, Komponisten und Sounddesigner der über reichlich Erfahrung mit dem Genre Film verfügt, wie der Titel seines aktuellen Albums verrät. Soundtrack Work 2004-2008 vereint ein Auswahl von Soundtrackbeiträgen der letzten Jahre. Am erfolgreichsten war dabei wohl der Film und die Musik zu „Il Divo“, wie eine Liste von eingeheimsten Preisen und Auszeichnungen belegt.
Alle Zweifel an seinen Fähigkeiten dürften die Huldigungen des Mannes sein, den wirklich jeder mit dem Begriff "Filmmusik" in Einklang bringt. Ennio Moricone meint: „Experience tells me that sooner or later, those who seek will find and in the passages between searching and finding there are important moments, moments such as the ones we can hear on this beautiful album.“ Teardo, ebenfalls Italiener, unterlegt nicht einfach „nur“ bestehende Bilder mit passenden Tönen, er legt bereits in dem Moment los, da er ein Drehbuch in die Hände bekommt. Das mag ein Grund dafür sein, dass seine Musik auch ohne dazugehörigen Film besteht und den Hörer jederzeit in seinen Bann zieht. Dabei fungiert Teardo als Schreiber, Produzent und Aufnahmeleiter. Er spielt Gitarre, Bass, (Rhodes-)Piano, Glockenspiel und Synthesizer. Unterstützt wird er von Streichern (Bass, Viola, Violine, Cello).
Vorsicht: Die hier zusammengestellt Auswahl an Soundtrackarbeiten wird einige Folgeinvestitionen nach sich ziehen. Man will unweigerlich mehr davon und kann es zudem nicht erwarten, die enstprechenden Filme zu sehen. Toller Appetitmacher auch das Cover. Ein Photo aus dem Film 'L'Amico Di Famielia'. Absolut überzeugend!
Joe Hisaishi: Ponyo on the Cliff
Ebenso ein absoluter Profi auf seinem Gebiet ist der japanische Pianist, Dirigent und Filmmusik-Komponist Joe Hisaishi. Für Freunde von Animationsfilm-Musik ist er ein alter Bekannter. Hishaishi, dessen Musik die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von Nagano 1998 begleitete, arbeitet gerne mit dem als Animationsfilm-Gott verehrten Hayao Miyazaki zusammen. Bei dessen aktuellen Film Ponyo on the Cliff handelt es sich um eine Variation Andersen´s „Die kleine Meerjungfrau. Die Geschichte über einen Fünfjährigen und seinen Goldfisch Ponyo lief in Japan 2008 in sage und schreibe 481 Kinos gleichzeitig an und war ein sensationeller kommerzieller Erfolg. Die Titelmelodie „Gake no ue Ponyo“ die im Soundtrack in Variationen immer wieder auftaucht, war ein Charterfolg.
Unter den 36 (!) Stücken finden sich bis auf diesen Track wenige Kinderlieder, überwiegend bekommt man eine Umsetzung der jeweiligen Situation und Stimmung der Protagonisten in klassisch instrumentierte Klangbilder; teils inklusive Operngesang und Chören. Eingespielt vom New Japan Philharmonic Orchestra bestehen dabei keine Zweifel an der Qualität der musikalischen Umsetzung. Liebhaber von Anime-Musik bzw. komprimierten Klassik-Motiven werden hier richtig liegen.
Diverse: Babylon Central
Eine gängige Variante ist es natürlich, Stücke verschiedener Interpreten für einen Soundtrack zusammenstellen. Von der Musik zum Film zurück zur Musik geht es praktisch bei Babylon Central. Denn der Film ist das Regiedebüt von Eric Hilton, bekannt als eine Hälfte der Thievery Corporation. Babylon Central ist ein politischer Thriller, der im Herbst auch in Deutschland anläuft. Die Darstellung eines Machtkampfes um wirtschaftliche Interessen ist in Washinton D.C. angesiedelt, dem Babylon der Moderne.
Babylon ist in der Rastafari-Kultur Ausdruck des herrschenden, westlichen Gesellschaftssystems. Passend beginnt der Soundtrack mit dem Track „Leaving Babylon“ von Bad Brains Debutalbum aus dem Jahre 1982, gefolgt von Martin-EZ feat. Dan Wayne, deren zugegeben schönes Kiffertune mal wieder die Frage aufkommen lässt, ob wirklich jemand glaubt, dass Rauchwaren und Musik zur Änderung eines Systems geeignet sind. Einen schönen Roots-Reggae-Klassiker gibt es mit „chase the devil“ von Max Romeo zu hören. Mit dem Soulfunk-Crooner James Kirkland, Tony Hatch oder Troubleman gibt es noch ruhigere Stücke, um sich entspannt in den Kinosessel bzw. die heimische Couch zu lümmeln. Ausgerechnet die Stücke von Thievery Corporation sind es, die hier doch deutlich hinterherhinken. Deren loungige Downbeatvariante ist eben nur mäßig einfallsreich und bleibt einfach in den 90er Jahren hängen, was zwischen einigen Klassikern einfach umso deutlicher wird. Insgesamt eine ganz kurzweilige Vorstellung, bleibt abzuwarten was der Film bringt.
Sam Prekop: Old punch Card
Sam Prekop ist bekannt als Sänger, Songschreiber und Gitarrist der Chicagoer Postrock-Institution The Sea and Cake. Die Musik dieser Kritikerlieblinge bewegt sich zwischen Jazz, anspruchsvollem Easy Listening und Krautrock und hat durchaus cineastische Qualitäten. Die Band hat auch bereits Musik für den schwulen Erotikthriller „Sunkissed“ geschrieben. Neue Wege geht Prekop, der auch als Maler und Photograph tätig ist, auf seinem dritten Soloalbum Old punch Card. Inspiriert von Music Concrete und Pionieren der elektronischen Musik wie Raymond Scott gab er sich selbst eine strikte Zielvorgabe bei der Enstehung: keine Vocals, keine Beats und keine Gitarren (letzteres hielt er bei einem Track nicht durch). Prekop vergrub sich in sein Heimstudio und nahm am Synthesizer jede Menge Rohmaterial auf, das er im Anschluss hin- und her arrangierte. Wobei er auch auf "happy accidents" spekulierte, auf unerwartete Melodien und überraschende Effekte. Fernab von üblichen Songstrukturen befeuert der Sound des modularen Synthies die Bilder im Kopf des Hörers. Absolut hörenswert und überraschend. Wie auch das Cover, denn die ersten 1000 Kopien werden alle ein individuelles Design haben. Handarbeit des Multitalents Prekop!
Grimoon: Super 8
Auf die Begeisterung für Film zum einen und das persönlich gehaltene Statement zum anderen weist bereits der Albumtitel Super8 hin. Dahinter steckt eine italienisch-französische Band namens Grimoon; die einzige mir Bekannte, die ursprünglich aus der Stadt kommt, die eine einzige Filmkulisse ist. Nein nicht Rom, sondern Venedig. Mittlerweile ist die sechsköpfige Band zur Land-WG mutiert. In Norditalien bauen sie Radicchio an und laden befreundete Bands zu den nach ihrem Label benannten Macao Country Nights ein. Da wird dann gemeinsam und ausführlich gefuttert und musiziert. Klingt sehr sympathisch. Musikalisch bewegen sich Grimoon mit ihren meist zweistimmig auf französisch vorgetragenen Liedern zwischen Chanson, Folk und wüstenstaubgefärbten Americana. Die Songs, die neben den üblichen Instrumenten auch von Streichern, Akkordeon, Mandoline und Fender-Rhodes getragen werden, verfügen über eine schöne Mischung aus Melancholie und dem nötigen Popappeal. In Italien begleitete die Band bereits die Tour der Blackheart Procession. Bei ihren Konzerten unterlegen sie jeden einzelnen Song mit einem selbstgedrehten Video. Dieser Begeisterung auch für das Visuelle ist es wohl geschuldet, dass diesem dritten Album der selbstgedrehte Film NeerA beiliegt, eine mit einfachen Mitteln realisierte Umsetzung des Mythos um Orpheus und Euridike. Interessante Band, da heißt es Ohren UND Augen aufhalten!
Summer Camp: Young-EP
Zu guter letzt noch der Soundtrack zum Sommer, den man bald wohl an der heimischen Anlage weiter träumen muss. Summer Camp, ein Mann/Frau-Duo aus England. Das trashige Schulabschlussball-Cover-Photo der Young-EP bereitet auf einen Sehnsuchtstrip vor. Dünne, süße Stimmchen treffen auf fuzzy Dreampop-Gitarren. Schräg daneben und doch sympathisch, mal schauen ob das über die ganze Albumdistanz trägt. Jung müsste man nochmal sein? Ach was, sind wir doch. Stay young, grow strong, und gönne dir einen akustischen Jungbrunnen. Sind wir nicht alle ein bisschen Moshi Moshi? (siehe Cover oben)
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Ah! Video from Oval´s album "O".
http://vimeo.com/14431677
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