von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Eli Pariser: Filter Bubble Der FUTTERblog - streng verdaulich! Kennzeichen T - 28.04.2012
Mittwoch, 23. Mai 2012 | 18:25

 

Claus van Bebber und Philip Jeck: Vinylisten

14.03.2004

 


DJ Deconstraction

Schwanengesang aus Vinylscherben von Claus van Bebber und Philip Jeck.


 

Wenn da schon Cage, Fluxus und der Dadaismus als Paten ins Booklet gezerrt werden, dann sollte an der Geschichte gefälligst was dran sein, meint man. Enttäuscht wird man jedenfalls nicht.

Der Titel Viny´l´isten macht dreierlei klar. Zum einen Vinyl als Werkstoff einer untergegangenen Welt, zum anderen die Vinylisten als Maschinisten der Schallplatte und letztlich auch eine Art „zerbrochenes Hören“. Entstanden ist diese Technik der Broken Music durch die schiere Langeweile des Prager Künstlers Milan Knizak in den 60er Jahren. Er hatte es satt, die immer gleichen, wenigen Platten, die er besaß, durchzuhören und begann sie von nun an zunächst mal schneller, mal langsamer laufen zu lassen, dann auch zu zerkratzen, zu durchbohren, zu zerbrechen und neu zu verkleben und schließlich gar zu bemalen, zu vergipsen oder zu verschmoren. Er hatte damit wahrgemacht, was John Cage gefordert hatte, als er sagte: „Die einzig lebendige Sache, die mit einer Platte geschehen kann, [ist,] dass man sie auf eine Weise gebraucht, die etwas Neues entstehen lässt. Unglücklicherweise benutzen die Leute [...] sie auf ganz andere Weise: als eine Art tragbares Museum oder als beweglichen Konzertsaal.“

Kreativer Exorzismus

Van Bebber und Jeck haben nun mit präparierten Tonträgern und veralteten Reproduktionsinstrumenten ein wahres Requiem geschaffen. Auf den Plattentellern hört man dabei manches Musikstück unter seltsamsten Qualen verenden, hört wie ihm mit der Nadel das musikalische Vorleben ausgetrieben wird. Man vermeint beinahe einem Akt von kreativem Exorzismus beizuwohnen und da manche Singleseele entschweben zu sehen. Schallplattenkonzert nennt das van Bebber. Seine Platten werden hierbei auf erstaunliche Weise zu Solisten, verschwinden aber auch wieder zu einem immer schwächer werdenden Hintergrundgeräusch. „Schon nach zwei, drei Umdrehungen haben diese spitzen Angelhaken feine Elemente herausgekratzt, so dass nach einigen Umdrehungen die Musik fast vollständig verschwunden ist.“ (van Bebber)

Das Klangideal der beiden leidenschaftlichen Sammler von Plattenspielern, die sie auf Flohmärkten für weniger als fünf Pfund erwerben, ist – wie kann es anders sein – das genaue Gegenteil von Hi-Fi, es ist Low-Tech. Das ist es, was dieses Klangereignis so unglaublich greif- und fühlbar macht. Es entsteht ein somnambuler Sog und Schub, der einen nicht freilässt aus seiner bizarren Ästhetik. Denn es sind ja die Partituren selbst, das misshandelte Material, das da zu singen anhebt. Mal als schmölzen große Glockengewitter zusammen, mal als zerre eine Klaue am neuronalen Gewebe des Hörers. Und dazu diese dreckigen Beats aus Rissen, aus den gewaltsamen Cracks quer zur glatt ablaufenden Rille ... Die surreale Welt ist eine Scheibe, ist ein wahrer Traum!

Christoph Pollmann


Viny´l´isten
Claus van Bebber / Philip Jeck
1 Philip Jeck Solo 19:50
2 Claus van Bebber Solo 15:37
3 Claus van Bebber / Philip Jeck Duo 31:18
Liveaufnahme / Recorded live at intermedium 2, 24.3.2002
ZKM Karlsruhe (Zentrum für Kunst und Medientechnologie)
Intermedium rec.015
Indigo CD: 1790-2
ISBN 3-934847-68-4
Mailorder: booksound@t-online.de

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Verstaubt ohne Ende

Bullenklatschen ist ein irreführender Titel, aber er provoziert – das ließe sich genauso über den Film sagen. Provozierend das Personal: eine Anarcho-Fete. Jedenfalls ...

No sleep till Pixel

Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...

Gegen die Dominanz des Beliebten

Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...

»Scheißwald, Scheißnatur, ey!«

Leicht grenzwertig diesmal, möchte man meinen. Setzt das gewöhnliche Schema von Mord, Aufklärung, Festnahme etwa Schimmel an? Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) geht dem Hinweis auf ...