Claus van Bebber und Philip Jeck: Vinylisten
14.03.2004
DJ Deconstraction
Schwanengesang aus Vinylscherben von Claus van Bebber und Philip Jeck.
Wenn da schon Cage, Fluxus und der Dadaismus als Paten ins Booklet gezerrt werden, dann sollte an der Geschichte gefälligst was dran sein, meint man. Enttäuscht wird man jedenfalls nicht.
Der Titel Viny´l´isten macht dreierlei klar. Zum einen Vinyl als Werkstoff einer untergegangenen Welt, zum anderen die Vinylisten als Maschinisten der Schallplatte und letztlich auch eine Art „zerbrochenes Hören“. Entstanden ist diese Technik der Broken Music durch die schiere Langeweile des Prager Künstlers Milan Knizak in den 60er Jahren. Er hatte es satt, die immer gleichen, wenigen Platten, die er besaß, durchzuhören und begann sie von nun an zunächst mal schneller, mal langsamer laufen zu lassen, dann auch zu zerkratzen, zu durchbohren, zu zerbrechen und neu zu verkleben und schließlich gar zu bemalen, zu vergipsen oder zu verschmoren. Er hatte damit wahrgemacht, was John Cage gefordert hatte, als er sagte: „Die einzig lebendige Sache, die mit einer Platte geschehen kann, [ist,] dass man sie auf eine Weise gebraucht, die etwas Neues entstehen lässt. Unglücklicherweise benutzen die Leute [...] sie auf ganz andere Weise: als eine Art tragbares Museum oder als beweglichen Konzertsaal.“
Kreativer Exorzismus
Van Bebber und Jeck haben nun mit präparierten Tonträgern und veralteten Reproduktionsinstrumenten ein wahres Requiem geschaffen. Auf den Plattentellern hört man dabei manches Musikstück unter seltsamsten Qualen verenden, hört wie ihm mit der Nadel das musikalische Vorleben ausgetrieben wird. Man vermeint beinahe einem Akt von kreativem Exorzismus beizuwohnen und da manche Singleseele entschweben zu sehen. Schallplattenkonzert nennt das van Bebber. Seine Platten werden hierbei auf erstaunliche Weise zu Solisten, verschwinden aber auch wieder zu einem immer schwächer werdenden Hintergrundgeräusch. „Schon nach zwei, drei Umdrehungen haben diese spitzen Angelhaken feine Elemente herausgekratzt, so dass nach einigen Umdrehungen die Musik fast vollständig verschwunden ist.“ (van Bebber)
Das Klangideal der beiden leidenschaftlichen Sammler von Plattenspielern, die sie auf Flohmärkten für weniger als fünf Pfund erwerben, ist – wie kann es anders sein – das genaue Gegenteil von Hi-Fi, es ist Low-Tech. Das ist es, was dieses Klangereignis so unglaublich greif- und fühlbar macht. Es entsteht ein somnambuler Sog und Schub, der einen nicht freilässt aus seiner bizarren Ästhetik. Denn es sind ja die Partituren selbst, das misshandelte Material, das da zu singen anhebt. Mal als schmölzen große Glockengewitter zusammen, mal als zerre eine Klaue am neuronalen Gewebe des Hörers. Und dazu diese dreckigen Beats aus Rissen, aus den gewaltsamen Cracks quer zur glatt ablaufenden Rille ... Die surreale Welt ist eine Scheibe, ist ein wahrer Traum!
Christoph Pollmann
Viny´l´isten
Claus van Bebber / Philip Jeck
1 Philip Jeck Solo 19:50
2 Claus van Bebber Solo 15:37
3 Claus van Bebber / Philip Jeck Duo 31:18
Liveaufnahme / Recorded live at intermedium 2, 24.3.2002
ZKM Karlsruhe (Zentrum für Kunst und Medientechnologie)
Intermedium rec.015
Indigo CD: 1790-2
ISBN 3-934847-68-4
Mailorder: booksound@t-online.de