Die Nuova Compagnia di Canto Popolare, kurz NCCP, gehörte zu den aufregendsten Vokalensembles der vergangenen Jahrzehnte. Ihre hinreißenden Arrangements und ihre stets theatralischen Konzertauftritte brachten E und U unauflöslich auf einen Nenner. Sie erweckten die traditionelle neapolitanische Musik zu neuem Leben, die Madrigale und Villanellen, fernab von einer weihevollen Archivkultur. Sie erinnerten an eine Zeit, da es keine Kluft gab zwischen plebejischer Volksmusik und höfischem Musizieren.
Der Kopf hinter der NCCP hieß Roberto De Simone. Und das Nachfolgeensemble der NCCP nennt sich Media Aetas, "Mittelalter" also oder auch "Zwischen den Zeiten". Man erkennt die Vitalität und stilistische Eigentümlichkeiten der NCCP wieder, aber das neue Ensemble, in dem es neben den Vokalstimmen Blasinstrumente - eine Flöte, ein Saxophon, eine Trompete, eine Posaune - sowie Streichinstrumente - Violine, Viola, Cello, Gitarre, Kontrabass, eine Mandoline - und Perkussionsinstrumente gibt, wagt sich verstärkt in die Gegenwart, bringt auch mal ausnahmsweise jazzige Töne ein. Man höre sich nur Roberto Schianos atemberaubendes Posaunensolo und Marco Sanninis Trompetensolo in der Tarantella di San Michele an. Das Material jedoch ist in Text und Melodie größtenteils traditionell. Und wo De Simone selbst komponiert, denkt er sich in diese Tradition hinein. Von ihm stammt auch der Titel, nach dem die CD benannt ist: Li Turchi viaggiano, wobei mit den Türken, wie wir aus dem informativen viersprachigen Beiheft erfahren, - in diesem Kontext: ironisch - "die Bedrohungen aus dem Orient", aber auch "die Seelen der Toten" gemeint sind.
Thomas Rothschild
Media Aetas:
Li Turchi viaggiano. Di Roberto De Simone. Oriente RIEN CD 44.