Es besteht Einigkeit darüber, dass die Texte deutscher Schlager in den fünfziger Jahren - im Unterschied übrigens zu vielen Schlagern der zwanziger Jahre - hirnrissig waren, sprachlich klischeehaft und thematisch belanglos. Dann kam der RocknRoll. Eine Musik, mit der sich zumindest eine Generation identifizierte. Die Texte waren englisch. Man verstand sie nur bruchstückhaft. Aber da man die Musik liebte, war man bereit, auch die Texte zu idealisieren. Waren sie wirklich so viel gescheiter als die Liebes-und-Trennungslyrik deutscher Schnulzen? Zum Beispiel: "When the clock strikes two,/ three and four,/ if the band slows down,/ well yell for more". In der Übersetzung von Carina von Enzenberg und Melanie Walz: "Wenn es zwei Uhr schlägt/ Und drei und vier/ Und die Band nachläßt/ Schreien wir nach mehr." Oder: "Pretty woman, dont (korrekt: dont, Th.R.) walk on by/ Pretty woman, dont make me cry/ Pretty woman, dont walk away, hey/ Okay." ("Hübsche Frau, geh nicht vorbei/ Hübsche Frau, bring mich nicht zum Weinen/ Hübsche Frau, geht nicht weg, hey/ Okay.") Oder: "Baby, dont you know I love you so? Cant you feel it when we touch?/ I would never let you go, I love you, oh, so much." ("Baby, weißt du nicht, wie sehr ich dich liebe? Spürst du es nicht, wenn wir uns berühren?/ Ich würde dich nie hergeben, ich liebe dich, oh, so sehr.") Damit kann der deutsche Schlager gerade noch mithalten.
Die zitierten Beispiele finden sich in einem Buch, das im Untertitel "Pop Lyrics der 60er Jahre" ankündigt, wo "Texte" nicht weniger genau wäre als das englische Wort "lyrics", ein großer Teil der Songs eher zum Rock als zum Pop zu zählen sind und die Beschränkung auf die 60er Jahre mit gutem Grund nicht so genau genommen wird. Ansonsten stimmt alles. Dass der RocknRoll mit der Prüderie der deutschsprachigen Konkurrenz gebrochen hat, ist eine bekannte Tatsache. Die offene und verschlüsselte Thematisierung von Sexualität hat freilich ihre Wurzeln in einer älteren Tradition, im schwarzen Blues und auch in der Folklore. Die Euphorie, mit der man in Deutschland die Erwähnung von primären Geschlechtsmerkmalen, Körpersäften und rhythmischen Bewegungen zu feiern nicht müde wurde, ist eher ein Beleg für eine fortdauernde Verklemmung.
Und dann gab es die Songs of Protest, die freilich vielfach mit den Arbeiten deutscher Liedermacher mehr gemein haben als mit Pop und Rock. Warum Pete Seegers
Where Have All The Flowers Gone, das von unzähligen Interpreten, darunter von Seeger selbst, gesungen wurde, unter dem Kingston Trio abgebucht wird, erfährt keine Begründung.
The House Of The Rising Sun ist, mit Verlaub, ein altes Traditional, dessen Melodie die Animals abgewandelt haben. Das Copyright für den Text kann Alan Price nicht beanspruchen, bloß weil er aus dem "girl", das zur Hure wird, einen wenig Sinn ergebenden "boy" gemacht hat.
Man begegnet Bob Dylan und Frank Zappa, Leonard Cohen und Jim Morrison, auch - mit leider nur einem Titel - Shel Silverstein. Einer der wichtigsten Dichter aus Pop und Rock, Randy Newman, fehlt. Liegt es wirklich nur an den Rechten?
Im Vorwort tut Elke Heidenreich, was sie seit drei Jahrzehnten am liebsten tut: Sie gibt vor, über ein Thema zu sprechen, nur um von sich selbst zu reden. Interessiert uns wirklich, dass das "nette kleine Mädchen in Essen" mit "vier gestärkten Petticoats übereinander" und einem "Büstenhalter mit Drahtgestell" ihr Tagebuch abschloss oder in New York neben Lenny Kaye saß oder dass sie mit
In The Summertime in die Ferien fuhr? Bei der Metapher vom "Schimmelpilz auf unseren Seelen" wüsste man gerne, von welcher Beschaffenheit eine schimmelnde Seele ist. Müssen wir uns Heidenreichs banales Geplapper anhören und ihr etwa den Unsinn glauben, etwa dass nach Woodstock (wie angeblich nach dem 11.9.2001) nichts mehr gewesen sei, wie es war, denn danach habe der Pop allen gehört, oder dass ein paar Töne nichts nützen, wenn sie keine Geschichte erzählen? Umgekehrt müsste man Elke Heidenreich fragen, was ihre Geschichten nützen, wenn sie nichts sind als Gedöns? Im Übrigen wüsste man gerne, für welches Kollektiv Elke Heidenreich spricht, wenn sie erklärt: "Unsere Väter hatten gerade noch gesungen, dass uns heute Deutschland gehört und morgen die ganze Welt". Ich treffe immer nur Väter, die behaupten, sie hätten nicht zu jenen gezählt, die derlei singen, und bei einigen stimmt das ja sogar.
Thomas Rothschild
Tambourine Man. Pop Lyrics der 60er Jahre. Schirmer/Mosel, München 2003, Gebunden. 160 Seiten. EUR 24,80 ISBN: 3829601050