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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 18:46

Amsterdam Klezmer Band: Katla / Pascal Comelade: Psicotic Music Hall / Devotchka: 100 Lovers

03.03.2011

Mit Pauken und Trompeten

Drei Veröffentlichungen zwischen Klezmer und Balkanbeat, zwischen Soundtrack und Wüstenblues, Circus und Kinderlied stellt TOM ASAM vor. Hier gibt es schöne Melodien zu entdecken, mit Pauken und Trompeten, oder auch mit Theremin und Akkordeon.

 

Mitte der 90er trafen in Amsterdam ein paar Jungs aufeinander, die sich für Klezmer wie Musik des Balkans begeisterten und auf der Straße und in kleinen Clubs zu einer Einheit wurden. Mit Katla legt die Amsterdam Klezmer Band nun ihr mittlerweile neuntes (!) Album vor. Den lebhaften wie explosiven Sound der Truppe, die mittlerweile in aller Herren Länder auf Partys und Festivals Leute mitgerissen hat, verdeutlicht der Albumname perfekt, ist der Katla doch der größte Vulkan Islands. Frontmann Alec Kopyt, Sänger und Spezialist für Knastlieder aus Odessa, und seine Begleiter befreien den Klezmer von seinem musealen Charakter und erinnern an Zeiten, als jüdische Musiker im osteuropäischen Raum von Fest zu Fest und Hochzeit zu Hochzeit reisten und dabei verschiedenste regionale musikalische Einflüsse fusionierten. Der Vulkan Katla spukt mit Papa Chajes einen Song aus, den die Band selbst als jiddisches Pendant zum holländischen Clog-Tanz beschreibt, Forget about the Rest erinnert mit seinem 3-2-2-Rhytmus an türkische Musik, Desert Banjo integriert nordafrikanische Elemente, Toi verfolgt mit einem 9/4 Takt - der einem Song des türkisch-alevitischen Sängers Arif Sag zu verdanken ist, die Idee einer endlos dahinfließenden Melodie, die kaum Wiederholungen kennt ... Doch wirklich endlos ist natürlich nichts, im Gegenteil verfliegt die Zeit mit diesem abwechslungsreichen Album viel zu schnell ...

 

Psicotic Music Hall von Pascal Comelade ist eine Wiederveröffentlichung aus dem Jahr 2002, ergänzt um den Livemitschnitt Bel Canto Orquestra live auf einer zweiten CD. Es handelt sich hierbei um einen Tribut an La Bodega Bohemia, ein historisches Kabarett aus Barcelona. Der 1955 in Montpellier geborene Musiker ist in Frankreich wohl längst nicht so bekannt wie in Katalanien. Starken Einfluss hatten seine Kompositionen wohl aber auf den französischen Tausendsassa Yann Thiersen. Seine Stücke greifen oft Walzer- oder Tangorhytmen auf. In der Wahl der Instrumente lässt er sich nicht beschränken und nutzt Banjo, Klarinette, Kinderklavier, verstimmte Gitarren, Trompete, Tuba und was sonst gerade greifbar ist. Heraus kommt eine bunte Musikbox zwischen Weill und Circus, Soundtrack und Kindergeburtstag, Folklore und Bühnenmusik. Dabei wirkt Comelade allerdings nie beliebig, die Musik ist keine montierte Freakshow, sondern strahlt bei aller Verspieltheit immer die erforderliche Seriosität aus. Eine vorzügliche Gelegenheit, sich der Musik des Mannes, die viele (unbewusst) mit seiner Filmmusik zu Andreas Dresens Sommer vorm Balkon schon einmal gehört haben, anzunähern. Ein großes Vergnügen!

 

Deutlich näher am zeitgenössischen (Indie-)Popsong agieren die Herrschaften von Devotchka. Auch auf ihrem mittlerweile fünften Album tun sie das mit viel Liebe zum Detail. Einflüsse osteuropäischer Hochzeitsbands kann man auch hier heraushören, dazu gesellt sich ein Händchen für Balladen und schöne Melodien. Theremin, Violinen, Piano und Akkordeon sorgen für akustische Farbtupfer. 100 Lovers, so der Name des Albums, wird sicher weit mehr Liebhaber finden. Die Band, die ihren größten Popularitätesschub bisher mit der Soundtrack-Arbeit für den Kinokassenhit Little Miss Sunshine erhielt, dürfte mit ihren kleinen Popdramen auch jede Menge Leute begeistern, die sich auch für die Decemberists oder Arcade Fire erwärmen können. Anspieltipp: All the Sand in all the Sea. Ach ja, zum Thema Sand noch folgendes: Produziert wurde das Album in Arizona, von Craig Schumacher, der auch Calexico schon veredelte. Deren Jakob Valenzuela ist einer der Gastmusiker auf 100 Lovers, zu denen auch Radiohead-Perussionist Mauro Refosco gehört.

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