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Toms Schnellgericht

31.03.2011

Lecker Häppchen oder kurzer Prozess!

Wenn eine Band sich Phrasenmäher und ihr Album Sehr verstörte Damen und Herren nennt, das ganze in ein furchtbar nichtssagendes Hochglanz-Digipack packt, um eine DVD erweitert, das Gesamtwerk in die Teile Anhördings und Ansehdings unterteilt, dann... Ja, was dann? Dann denk ich an eine typische Sparkassenwettbewerbs-Siegerband aus dem Jahr 1984 oder vielleicht 1992. So klingts dann auch: richtig flippiger Deutschpop, toootal lustige Texte, aber auch echt kritisch uuund, Achtung Zitat: »mit komplexen Arrangements!« Mal Kinder-Ärzte, mal Anajo für Arme. Meistens aber eher das, über was sie sich wohl gerne lustig machen: Die Prinzen – für die Erstsemesterfeier an der Pop-Akademie. Hat leider das Potential für die deutschen Charts.

 

Warum veröffentlicht ein Label wie Repertoire, das für eher bodenständige re-Releases halbvergessener 60's- und 70's- Scheibchen bekannt ist, eine Compilation-Reihe wie Comfort- Zone? Wahrscheinlich, weil es sich verkauft! Immerhin handelt es sich bei der aktuellen Ausgabe schon um die siebte Veröffentlichung der Reihe mit dem Untertitel Luxury Downtempo Grooves. Chill-Out war mal ein Begriff für die Phase und den Sound nach einer ausgiebigen Clubnacht. Chill-out-Compliations sind hingegen eher was für unsichere Leute, die, wenn sich mal ein befreundetes Pärchen – nach 34 SMS und 19 Mails – in die Bude verirrt, zum Dinner was Nettes auflegen wollen.

Hip sollte es schon klingen, aber auch nicht stören! So wie neulich in der tollen Boutique oder im Lady-Fitness-Studio. Oder, wie die Produkt-Info (ehrlich!) verrät: »Zeitlose, moderne Klassiker, die man aus den besten Bars kennt, Soundtracks von Kultfilmen und TV-Spots. Alles was man von einer zeitgemäßen Lifestyle Chillout Collection erwartet.« So was ist dann traditionell in eine kitschige Verpackung gesteckt, die mindestens zwei der folgenden optischen Reize bieten muss: coole Architektur, sich räkelnde Frau, Sonnenuntergang, irgendwas mit Buddha. Musikalisch ist Comfort-Zone, wie alle 97 anderen Reihen ähnlicher Bauart, angesiedelt irgendwo zwischen Downbeat, seichtem Nu-Jazz und Ambient, angereichert mit leichten Ibiza- und Orient- Remindern. Innerhalb der Gattung ist das hier sicher weit vorn; Cafe-Del-Mar und Starbucks-Cafe- Liebhaber: nicht ärgern über die Häme des Rezensenten: könnt ihr kaufen!

 

Der allseits beliebte Richard Dorfmeister liegt mit seiner private collection im Rahmen der G-Stone Master Series im Trend. Und zwar im Trend der DJ's, ihren Hörern Zusammenstellungen persönlicher Favoriten und Wegbegleiter zu präsentieren, für die man vor ein paar Jahren Prügel bekommen hätte. Das nimmt zuweilen exhibitionistische Züge an, verleitet zum Fremdschämen und lässt den Hörer denken: »I bin a a star-DJ, heasd!«

 

Aber das auf Genres und Coolness Scheißen macht halt auch Freude. Wer neuneinhalb Minuten brazil von Antonio Carlos Jobim, gefolgt von Peter Green (Slabo day) und Santana (Aqua marine) aushält, wird auch mit ein paar Entdeckungen, wie etwa Vladimir Cosmas Soundtrack-Pianostück Promenade Sentimentale belohnt. Alan Parsons Mammagamma macht nach zehn Jahren Hörpause sogar mal wieder Freude, bald will aber auch John Lee Hooker mitmischen. Dorfmeister, gehts noch kruder? Vielleicht liegt ein entscheidender Hinweis zur optimalen Handhabung einer derartigen Zusammenstellung im Titel des Abschlusstracks von Harry Stojka: Bau no wos au!

 

Achtung: Demnächst an anderer Stelle in der Vergangenheit fischend: DJ Hell!

 

Ganz andere Baustelle: Portugal! Folkloristische Anklänge, aber weit und breit kein Fado. Dazkarieh bieten auf Ruido do Silencio eine Art Folkrock, der sich eher Richtung benachbartem Galicien und keltischen Ursprüngen orientiert. Neben Dudelsack gibt es auch griechische Bouzouki oder arabische Darabuka zu hören. Streckenweise wird dabei heftig nach vorne gerockt und nicht mit verzerrten E-Gitarren gegeizt. Das klingt aber zum Glück nicht nach der typischen deutschen Brachial-Mittelalter-Kombo von nebenan! Eigenständiges Songwriting, eine tolle Sängerin – und natürlich die in portugiesischer Sprache gehaltenen Lyrics sorgen für ein kurzweiliges Hörvergnügen der nicht alltäglichen Art.

 

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