Diese Kölner hatte ich bisher konsequent missachtet. Warum? Vielleicht hat mich der Name zunächst nicht angesprochen. Wahrscheinlich war es in der Folge das Medienspektakel um die Neben- (oder mittlerweile Haupt-)Band Karpatenhund. Das klang mir eher für ein arg junges Publikum gestrickt und übermäßig in Szene gesetzt. Da war, so erinnere ich es zumindest, in der einschlägigen Presse von wahren Masterplänen zum Erreichen des Popolymps zu lesen; inklusive – tatsächlich erfolgten – Vorabend-Soap-Titelsong-Einsatzes. Das wirkte doch eher abtörnend. Im Nachhinein hätte spätestens nach den Lobeshymnen auf das Zweitwerk von Locas in Love, Saurus, trotzdem mal nachgehakt gehört.
Nun also: Lemming. Impliziert schon mal: du bist einer von vielen. Denn dieses Wort existiert in unseren Köpfen eigentlich nur im Plural. Das liegt an der Legende des massenhaften Todessturzes der Viecher, deren Entstehung mittlerweile mit manipulierten Aufnahmen eines Disney-Tierfilms aus den 60ern erklärt wird. Wir sind Teil der Masse und doch allein, unser Schicksal ist miteinander verknüpft; der gemeinsame Schritt über die Klippe allerdings ist nicht vorausbestimmt. Lemming ist keine Abhandlung über das Atomzeitalter und das Ende der Menschheit. Aber sie spricht den Einzelnen an, in Texten denen man sich erst annähert. Die sich einem annähern. »Du musst alles verlernen, was du gelernt hast/ und alles vergessen, was du weißt …«. Nicht weil es sich mit leerem Kopf besser lebt. Aber es gibt immer die Möglichkeit eines Perspektivenwechsels. Es ist alles so schlimm wie es scheint lautet hier ein Songtitel. Es gibt keinen Grund sich was vorzumachen, aber auch keinen, den Kopf in den Sand zu stecken. Es ist nur so schlimm, wie es scheint. Und: »Warte nur zehn Minuten/ vielleicht ändert sich alles.« Aber es ist auch nicht so, dass es ständig immer wieder mal bergauf gehen muss. Denn Vorsicht: Das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug! Auch wenn wir oft am falschen Ort zur richtigen Zeit sind. Das Leben geht weiter, es ist ein großes Road Movie. Auf dieser Reise schießen Locas in Love wunderschöne Schnappschüsse, deren Deutung und Einordnung man sich erarbeiten muss. Dabei beweisen sie Attitüde und finden starke Worte, ohne ins Phrasengedresche abzudriften und sich dem Diktat des Reimes zu unterwerfen.