Intelligente Zusammenstellung
Das Trio Ciriaco Ortiz und das Orchester von Juan Guido sind mit je drei Beispielen eines Tango Vals in die Anthologie aufgenommen, einer argentinischen Variante des Walzers oder, genauer, der Valse Musette, die allerdings mit dem eigentlichen Tango und mit der Milonga soviel zu tun hat wie Wiener Schnitzel oder eine Andouillette mit einem Asado. Rhythmisch erinnert nichts mehr an den Tango. Was wäre der ohne das immer wieder fesselnde Nebeneinander von Staccato, Legato, Rubato und Sostenuto. Kaum eine Musikform ist so gestisch wie der Tango. Wer sich davon überzeugen möchte, höre sich nur, beispielsweise, El internado mit Juan D'Arienzo oder Camandulaje mit dem Orchester von Alfredo Gobbi an. Er wird nicht vermeiden können, dass er Tänzer vor seinem inneren Auge sieht.
Grundsätzlich ist die Anthologie intelligent zusammengestellt. Jede CD hat ein Thema, das mit sechs Aufnahmen eines stilbildenden Ensembles eingeführt und mit je drei Aufnahmen von drei weiteren Formationen abgerundet wird. Dieser Schematismus erweist sich als ausgesprochen sinnvoll. Eine CD trägt den Titel Die Avantgarde. Sie macht deutlich, wie der neue Tango seit Piazzolla nicht nur verstärkt mit Dissonanzen arbeitet, sondern zudem an die europäische Kunstmusik, nicht allein des Barock, sondern auch der Moderne anknüpft. Zu den Höhepunkten der Sammlung gehören sicher die Aufnahmen mit Roberto Goyeneche, der mit seinem rollenden »r« den Tango zum Verwandten des Chansons macht, das kleine Dramen erzählt – und dessen Stimme ein wenig an den Russen Vladimir Vysockij, ein bisschen auch an Gilbert Bécaud erinnert. Insgesamt also: 225 Fundstücke für alle, die den Tango lieben oder erst entdecken wollen.
Ein Sonderlob gebührt der technischen Qualität, dem Remastering der Aufnahmen. Auffällig, wie in den Anfangsjahren der perfektionierten Stereofonie beim Tango, wie damals, in den frühen sechziger Jahren, auch in der Popmusik, auf den Reiz einer großen Basisbreite gesetzt wurde. Sie hat den Vorzug, einzelne Instrumentalstimmen deutlich von einander abzuheben und so die Partitur transparent zu machen. Davon ist man längst wieder abgekommen.