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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 00:52

Tango - An Anthology

07.07.2011

Hundert Jahre in 225 Tangos

Das 20. Jahrhundert hat unzählige Modetänze hervorgebracht. Keiner aber hat sich so standhaft gehalten wie der Tango – wobei »standhaft« ein unglückliches Adverb ist für einen Tanz, der sich spektakulär und ausgreifend im Raum bewegt. Von den Spelunken in Buenos Aires aus hat sich der Tango über die ganze Welt verbreitet. Noch in den entlegensten Regionen hat er seine Interpreten gefunden. Seine Herkunft aus dem subproletarischen Milieu hat er nie ganz verleugnet. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Der Tango gilt, als Tanz wie als Musik, als erotisch, manchmal – man denke an die berühmte Szene aus Manche mögen's heiß – wirkt er sogar komisch. Erstaunlicherweise hat er zuletzt gleichzeitig mit dem Feminismus eine Konjunktur erlebt. Tangoschulen nahmen die Stellung ein, die in der Zwischenkriegszeit der »Ball der einsamen Herzen« besetzt hat. Stichwörter der Tangotexte sind nicht zufällig »corazon« und »mariposa« – »Herz« und »Schmetterling« – auch von »volver« (»zurückkehren«) ist mehrfach die Rede. Auch Buenos Aires wird immer wieder besungen wie Wien im Wienerlied. So gesehen ist der Tango die Schrammelmusik Argentiniens.

 

Die vorliegende Anthologie-Box enthält 15 CDs, die chronologisch geordnet sind. Sie liefern einen guten Überblick über die hundertjährige Geschichte des argentinischen Tango, seine traditionelle Spielart ebenso wie die aktuelleren Reformbemühungen, für die allen voran Astor Piazzolla steht. Er ist mittlerweile so häufig imitiert worden, dass man fast schon vergessen hat, wie überraschend seine ersten Auftritte und Plattenaufnahmen schienen. Mit sechs Titeln ist Piazzolla in der Anthologie vertreten (sechs weitere zusammen mit dem Sänger Roberto Goyeneche kommen hinzu). Ebenso viele Titel gehören Carlos Gardel, dem großen, charismatischen Sänger, der für den Tango nicht weniger herausragend ist als Amália Rodrigues für den portugiesischen Fado. Für unseren heutigen Geschmack mag Gardel schmalzig wirken – nicht anders übrigens als der russische Tango-Gigant Pjotr Leschtschenko; aber wer sich erst einmal auf diesen Stil einlässt, kann sich seiner Faszination kaum entziehen. Es ist wie bei alten Filmen. Sie haben bei aller Nähe zum Kitsch ihre Würde. Über Gardels Schmeicheltöne zu spotten ist ebenso billig, unhistorisch und letzten Endes humorlos, wie die herablassende Ironie gegenüber dem Pathos von Arbeiterchören.

 

Der Tango wurde in kleiner Besetzung gespielt und von Orchestern, deren Arrangements nicht weniger raffiniert waren als die der Big Bands im Jazz jener Jahre. Stets aufs Neue erfreut das dialogische, an das klassische Konzert erinnernde Zusammenspiel zwischen Soloinstrumenten, insbesondere des Bandoneons, aber auch des Klaviers, und Ensemble. Die Anthologie vermittelt einen guten Eindruck über die Vielfalt, in der das Wesen des Tangos jedoch stets erhalten bleibt. Ganz selten mischt sich auch ein Rumba in die Anthologie.

 

Intelligente Zusammenstellung

Das Trio Ciriaco Ortiz und das Orchester von Juan Guido sind mit je drei Beispielen eines Tango Vals in die Anthologie aufgenommen, einer argentinischen Variante des Walzers oder, genauer, der Valse Musette, die allerdings mit dem eigentlichen Tango und mit der Milonga soviel zu tun hat wie Wiener Schnitzel oder eine Andouillette mit einem Asado. Rhythmisch erinnert nichts mehr an den Tango. Was wäre der ohne das immer wieder fesselnde Nebeneinander von Staccato, Legato, Rubato und Sostenuto. Kaum eine Musikform ist so gestisch wie der Tango. Wer sich davon überzeugen möchte, höre sich nur, beispielsweise, El internado mit Juan D'Arienzo oder Camandulaje mit dem Orchester von Alfredo Gobbi an. Er wird nicht vermeiden können, dass er Tänzer vor seinem inneren Auge sieht.

 

Grundsätzlich ist die Anthologie intelligent zusammengestellt. Jede CD hat ein Thema, das mit sechs Aufnahmen eines stilbildenden Ensembles eingeführt und mit je drei Aufnahmen von drei weiteren Formationen abgerundet wird. Dieser Schematismus erweist sich als ausgesprochen sinnvoll. Eine CD trägt den Titel Die Avantgarde. Sie macht deutlich, wie der neue Tango seit Piazzolla nicht nur verstärkt mit Dissonanzen arbeitet, sondern zudem an die europäische Kunstmusik, nicht allein des Barock, sondern auch der Moderne anknüpft. Zu den Höhepunkten der Sammlung gehören sicher die Aufnahmen mit Roberto Goyeneche, der mit seinem rollenden »r« den Tango zum Verwandten des Chansons macht, das kleine Dramen erzählt – und dessen Stimme ein wenig an den Russen Vladimir Vysockij, ein bisschen auch an Gilbert Bécaud erinnert. Insgesamt also: 225 Fundstücke für alle, die den Tango lieben oder erst entdecken wollen.

 

Ein Sonderlob gebührt der technischen Qualität, dem Remastering der Aufnahmen. Auffällig, wie in den Anfangsjahren der perfektionierten Stereofonie beim Tango, wie damals, in den frühen sechziger Jahren, auch in der Popmusik, auf den Reiz einer großen Basisbreite gesetzt wurde. Sie hat den Vorzug, einzelne Instrumentalstimmen deutlich von einander abzuheben und so die Partitur transparent zu machen. Davon ist man längst wieder abgekommen.

 

 

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