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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 00:53

Contemporary Noise Sextet: Ghostwriters Joke

07.07.2011

Die spannende Welt des polnischen Jazz

Wird über polnischen Jazz geredet, dürfte es im Groben zwei verschiedene Reaktionen geben: Entweder absolute Ratlosigkeit bis Ungläubigkeit oder aber das genüssliche Zungenschnalzen des Gourmets. Das Nachbarland ist wohl nur in Insiderkreisen für seine differenzierte Community bekannt. Das Contemporary Noise Sextet gehört zu den sicherlich interessantesten Vertretern und hat wesentlich mehr Beachtung verdient! Findet KRISTOFFER CORNILS.

 

Mit Ghostwriter’s Joke veröffentlicht das Sextett mit dem etwas irreführenden Namen (nicht nur das Noise im Namen täuscht – die Band hatte nicht immer sechs Mitglieder) bereits ihr viertes Album. Es ist das erste auf dem deutschen Label Denovali, welches der Band neben dem regulären Release der LP auf schniekem Vinyl und solider CD gleich noch eine komplette Retrospektive widmet: Die Wooden Box CD Series fasst sowohl die drei Vorgängeralben als auch den Neuling der Polen zusammen in einem Box-Set, das sowohl Audiophile wie auch eingeschworene Haptiker auf ihre Kosten kommen lassen dürfte. Und natürlich: Jazz-Fans. Und Freunde experimenteller Musik im Allgemeinen. Das beweist allein schon Ghostwriter’s Joke mit seiner etwas knapp bemessenen Tracklist von sieben Songs. Zwar bewegen sich CNS immer noch weitgehend im Traditionsraum des Jazz, beweisen aber eine einzigartige Eleganz bei der Kombination verschiedener Traditionsstränge. Da tritt zu treibenden Blues-Strukturen eine Jazz Fusion-Gitarre hinzu, die ziemlich sicher an John MacLaughlins Arbeit geschult ist, die Kirchentonleitern hoch- und runterhetzt und dann die Blechbläsersektionen bei ihrem Big Band-Sound unterlegt. Old Typewriter hätte selbst auf der Kind Of Blue bestehen können und hätte dem Meisterwerk von Miles Davis trotzdem noch neue Impulse geliefert.

 

Viel mehr als Standard-Jazz

Mit viel Swing und Verve agieren Contemporary Noise Sextet und lehnen sich dann doch immer wieder aus dem Fenster des Standard-Jazz hinaus und glänzen in Is That Revolution Sad  mit Querverweisen auf lateinamerikanische Musik und an anderer Stelle mit einigen spielerischen Zitaten aus der Geschichte der Filmmusik. An der Produktion dieses hermetischen Konzeptalbums, dessen Kompositionen den Biografien diverser Menschen gewidmet sind, lässt sich einerseits kaum rütteln. Andererseits verschwindet doch die eine oder andere Phrase zu weit hinten im Mix während sich vor allem die Bläser immer wieder in den Vordergrund schieben. Das ist zu verkraften und macht Ghostwriter’s Joke umso mehr zu einem spannenden Hörerlebnis, in dem die Schichten der Aufnahme ebenso zur Erkundung bereit steht wie die durchdachten Strukturen, die nur manchmal ihren zu abrupten Abschluss finden und vor allem die emotionale Komplexität, die die Band stiftet. Ghostwriter’s Joke wird hoffentlich den einen oder anderen Unwissenden mit der Nase auf die polnische Jazzszene stoßen.

 



 

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