Toms Schnellgericht
15.09.2011
Nostalgie nach der goldenen Pop-Ära
Die Anzahl an Veröffentlichungen, die an einem einzigen Freitag über uns hereinbricht, ist unglaublich groß. Ein guter Teil der Musiker beschäftigt sich dabei mit Einflüssen der großen Interpreten vergangener Pop-Epochen. Die Perlen stechen einem dabei nicht zwingend ins Auge. Eine Gemeinsamkeit der hier vorgestellten Alben ist mal wieder das Coverartwork, das durch die Bank ein visuell angestacheltes Zufallsentdecken eher unwahrscheinlich macht. Von TOM ASAM.
Hyde and Beast müssten eigentlich ordentlich auf die Pauke hauen, handelt es sich hierbei doch um das Produkt von Dave Hyde (Futureheads) und Neil Bassett (Golden Virgins) – hier wohl das Beast), beide in ihren Stammkapellen Drummer. Doch der Albumtitel Slow down deutet schon an, dass die beiden keine Großmäuler sind. Der Opener heiß Never come back, doch wünschen die beiden sich die Zeiten doch ein bisschen zurück, als der Mainstrem-Pop aufregend und verheißungsvoll war, als der Output eines Jahres eine andere Handschrift hatte als der vorhergehende. Slow down ist live im Studio eingespielt und schürt die Nostalgie mit sehr gelungenem Songwriting. Die Mitte zwischen eingängigem Popsong und experimentellem Ansatz und psychedelischem Mäandern wird hier genau getroffen. Sound und Feeling der Ära sind getroffen, überdeutliche Zitate werden vermieden. Zwischen Beatles und Beefheart, T-Rex und Jefferson Airplane. Nice.
Eine gute Portion Sarkasmus (hier sicher nicht der Fall) oder Glauben braucht man, wenn man eine Platte einspielt, die sich mit dem Tod des eigenen Vaters auseinandersetzt – und diese Get well Soon betitelt. Womit auch schon geklärt wäre, dass es sich hierbei nicht um ein neues Produkt der Süddeutschen Get well Soon handelt. Die Thematik scheint naheliegend: weiß man, dass der Vater Psychiater war und die Mutter Psychologin ist. Die in Florida geborene Sarabeth Tucet pendelte in den letzten Jahren zwischen den Metropolen L.A. und N.Y.C. Ihre Musik verbindet passend Westküsten-Singer-Songwriter-Sound mit etwas raueren Kanten bzw. der Thematik geschuldeter Melancholie. Stellweise klingt das etwas nach Neil Young mit weiblicher Stimme. Vergleiche mit Karen Dalton und Cat Power, die das Infoblatt bemüht, sind aber – noch – eine Stufe zu hoch angesetzt. Trotzdem gut.
Was die kommerzielle Verwertbarkeit anbelangt, geht die goldene Retro-Pop-Krone der Woche wohl an Transfer aus San Diego. Sie transferieren Einflüsse der großen Pop-Epochen in Popsongs, die auch jene Hörer erreichen, die sich nicht so sehr mit der Popgeschichte auseinandergesetzt haben – oder denen der Retrogedanke noch gar nicht gekommen ist. Frontmann Jason Cardenas bezeichnet die Beatles, Pink Floyd, Led Zep., Black Sabbath und die Stones als die großen fünf, und somit auch als Einfluss. Aber man merkt auch, dass sie bereits mit den White Lies oder Killers-Chef Flowers auf der Bühne standen. Die große Geste und der Effekt stehen hier im Vergleich zu beiden zuvor genannten Platten deutlich mehr im Vordergrund. Eine erste Begeisterung legt sich relativ schnell, die Produktion ist zu glatt, diverse Streicher zu nichtssagend und der ein oder andere Chorus doch zu sehr Richtung Stadion-Rock gedacht. Während man bei Hyde and Beast bei jedem Hördurchgang etwas Neues entdeckt, erweisen sich Transfer zusehends bzw. zuhörend als nette Belanglosigkeit – und der Verweis auf die Big Five als großmäulig.
Ein regionaler Superstar ist der Portugiese David Fonseca. Seine erste Band Silence 4 bekam bereits für ihr 1998 erschienenes Debut Silence becomes it sechsfaches Platin für – man bedenke die Größe des Landes – 240.000 verkaufte Einheiten. Auch weitere Band- wie folgende Solotaten waren absolute Abräumer in seiner Heimat. Auch Fonseca zählt Helden vergangener Tage zu seinen Einflüssen, etwa Tom Waits oder Jeff Buckley. Seins Stimme ist absolut beeindruckend. Und in der Tat (fast) mit der Ausdruckskraft eines Buckley oder Scott Walker vergleichbar. Akzent ist hier übrigens keiner auszumachen, irgendwelche Bezüge zu portugiesischen Musik-Wurzeln findet man hier auch nicht. Fonsecas Songs sind so etwas wie ein Glückstreffer für das Mainstream-Radio. Jeder Song ein Hit, eingängige Melodien, die einem gleich irgendwie bekannt vorkommen. Ja, das ist letztlich 80s-Mainstream-Pop, ohne Ironie und schon-wieder-cool-Gedanken. Dabei erzielt er aber eine Qualität, die seine Songs leicht über die Durchschnitts-Sauce einschlägiger Hitradios heben.

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