Toms Schnellgericht
06.10.2011
Herbstmusik
Der Herbst kommt, die Tage werden kürzer, die Werwölfe bereiten sich auf Halloween vor und wir haben wieder mehr Zeit zum Musikhören. Warm anziehen! Rät TOM ASAM.
Das dritte Album der nach Berlin gezogenen Rostocker von Supershirt nennt sich bescheiden Kunstwerk. Es erübrigt sich, darüber zu diskutieren, ob das Kunst ist – wo fängt diese an, wo hört diese auf? Sagen wir mal so: es gibt unzählige Musiker, die ihr Handwerk verstehen, heutzutage Musik an den Mann zu bringen – das ist eine Kunst. Da haben Audiolith Records vielleicht ein Händchen; Bands und Produkte werden einem wohl recht jungen Publikum mit einer gewissen Liebe zum Detail präsentiert. Die Musik von Supershirt? Alkopop triffts schon sehr gut. Keine wirklich guten Zutaten, kein wirklicher Trink- /Hörgenuss, fader Nachgeschmack – aber im richtigen Moment mit den richtigen Leuten genossen, gerne genommen. Zumindest in einer gewissen Altersklasse. Electropop mit Hip Hop-Wurzeln. Oder: Seed trifft auf Eurodance-Trash, Pseudodeutschpunk auf Bierzeltdisco, Dödelbeats auf gefakte Tiefe bei den Lyrics. Wer ein bisschen Trinkerfahrung hat, wird etwas Besseres gefunden haben als Alkopops; wer sich etwas länger mit Musik auseinandersetzt, wird etwas finden, dass ihn besser kleidet als Supershirt. Selbst das beste Shirt ist auch zu dünn für´n Herbst.
Popa Chubby will Back to New York City. Bei der Körperfülle und mit der Klampfe im Arm – so präsentiert er sich auf dem Cover des gleichnamigen Albums – braucht er die Rückbank eines Cab für sich alleine. Auch sein 19. Album seit 1990 (!) nährt sich aus den tiefen Quellen des Blues und Rock. Popas Vorbilder reichen von Chuck Berry über die Stones bis zum Hardrock und seinen Saitengöttern wie den unvergessene Randy Rhoads. Klasse Klampfenarbeit, tolle Stimme! Ein Fest für Traditionalisten, die bei Hard-(Rock) auch »Blues« und »Song« mitdenken, und das Anfang der 80er einsetzende »Härter, Schneller, Lauter« nicht mitgehen woll(t)en). Und diese Oldschool-Rocker, die überwiegend langsam vom Sommer in den Herbst des Lebens übergehen dürften, haben ja auch immer eine weiche Seite. So gefallen hier auch das ruhige Pound of flesh oder die Cohen-Adaption The Future. Popa verschweißt die Nahtstellen von Blues, Hardrock und Pop allemal besser als zur Blütezeit dieser Musik so mancher Zeppelin-Epigone der ersten oder zweiten Reihe (letzteres waren dann Möchtegern-Coverdales). Im November hierzulande auf der »Giants of Bluesrock«-Tour zu sehen.
Um ehrlich zu sein: ein Reamonn-Album habe ich mir nie angehört. Die Radiobeschallung mit Supergirl und die Ankündigung, die Band würde Falcos Jeanny mit Xavier Naidoo zusammen covern, ließen mich nicht wirklich neugierig auf mehr werden. Solides Handwerk dürfte der Band sicher zuzusprechen zu sein. Ihr Gitarrist Uwe Bessert zeigt zumindest bei(m) DrahtSeilAkt, einem Projekt mit der Sängerin Nora Grisu, dass er sein Gerät beherrscht. Sein filigranes Spiel lässt eine gewisse Liebe zum Jazz durchscheinen, was wunderbar zur Stimme von Grisu passt, die weniger vom Rock als vielmehr von traditionellen Liedermachern beeinflusst ist. Sie jongliert mit (deutschen)Worten und Melodien, ihre Texte liegen zwischen Gedicht und Kurzgeschichte. Fall oder tanz erzählt durchaus eigenständig auf einfühlsame und leicht melancholische Art vom Drahtseilakt des Lebens in all seinen Facetten. Schöne Herbstplatte.
Klar, wenn die Tage kürzer werden und die Blätter fallen, kommen die letzten Werwölfe aus ihren Löchern, zum Halloween-Alkopop-Saufen in Erwins Stehausschank. Die Songs for the last Werewolf schreiben The real tuesday weld. Kopf der 1999 gegründeten Formation ist Musiker, Komponist und Produzent Stephen Coates, der für sich beansprucht hier ein eigenes Genre kreiert zu haben: »Antique beat.« Schon bevor es einen sogenannten »Electro-Swing« Boom gab, verbanden Tuesday Weld das Schellack-Rauschen mit Electronica und fetten Bässen. Ihre Spezialität: die soundtechnische Umsetzung von Romanen. Nach I lucifer aus dem Jahr 2004 ist The last Werewolf das zweite Werk des Autors Glen Duncan, zu dem sie einen Soundtrack geschrieben haben. Aufgemotzte Balladen im Stile der 30er Jahre und Gypsy Jazz gehören hier genauso dazu, wie an Pulp geschulter Pop. Ein kurzweiliger und abwechslungsreicher Nostalgietrip im modernen Gewand. Vielleicht etwas zu glatt und gefällig, um einem Werwolf gerecht zu werden. Aber wenn man den entsprechenden Roman, der nächsten März bei Fischer auf Deutsch erscheint, nebenher lesen will, vielleicht genau das richtige.

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