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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 03:34

Viktor Åslund: Dirt Road

11.10.2011

Ohrcruising auf höchstem Niveau

Ein erstaunliches Album legt der schwedische Komponist und Dirigent Viktor Aslund hier vor. Erstaunlich in mehrfacher Hinsicht, denn es bietet stilistisch und kompositorisch einige Überraschungen, die sich nach mehrfachem Hören jedoch als schlicht konsequent und wohldurchdacht erweisen. Von CHRISTOPH POLLMANN

 

Erdigkeit? Direktheit? Rohheit? Erste Assoziationen, die der Albumname Dirt Road vielleicht entzündet. Doch tatsächlich ist die Straße, die wir musikalisch entlanggehen, nicht ganz so staubig, sondern eher landschaftlich eingebettet und gewunden, wenn auch ab und an eine breite brutale Bresche brechend. So z.B. das Fortissimo in Stars over U, das dermaßen explodiert, dass es den Bereich des Klangs verlässt und in Geräusch übergeht.

 

Ja, die Amplitude ist so groß wie die Klangvielfalt. Und die Produktion unterstützt dies, indem man beim Mastering auf dicken, hochkomprimierten Sound verzichtet hat. So bleibt das Filigrane erhalten und kann sich mit den orchestralen Big Bangs erst messen. Auch spürt man hierin deutlich den Dirigenten Åslund, der das gesamte Ausdrucksspektrum erhalten und nicht unter einer truckschweren Soundlawine beerdigen will.

 

Kern des 60minütigen Albums bildet die gleichnamige Komposition Dirt Road, obschon sie kurz vor dem Ende steht. Sie bildet einen starken Kontrast zum Opener Godspeed, dessen Funktion es zu sein scheint, den Hörer einzuladen, vielleicht sogar, ihn durch seine vordergründige Leichtheit zu diesem Ohrcruising erst zu verführen, den das Album – neben seinem musikalischen Anspruch – auch darstellt.

 

Die Komposition Dirt Road selbst ist eher düster und abgründig, seine Grundidee ist Rock, mit Hammondorgel und starkem Distortion in den Riffs und den Solos. Sehr expressiv und mit Wheather-Report-Anklängen grupppiert sie aber die Themen der übrigen Kompositionen quasi um sich, saugt sie auf und spuckt sie wieder aus. Insofern ist es sicher nicht ganz falsch im Finale (Los Comienzos) eine Art Reprise von Godspeed zu sehen. Ergiebiger wird es allerdings, alle Kompositionen vom Gravitationszentrum Dirt Road aus zu betrachten, sie darin wiedergespiegelt bzw. vielleicht sogar als diesem schwarzen Loch entrissen und daraus gerettet zu sehen. Dann wird auch deutlicher, dass mit dem letzten Stück etwas Neues eingeläutet und Zukunft geöffnet wird. 

 

Paradox und schlüssig zugleich

Natürlich kann Dirt Road insgesamt als eklektisch bezeichnet werden, doch dieses Album darauf zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht und übergeht leichtfertig seine Eigenständigkeit und seine konzeptionelle wie auch sinnliche Tiefe.

 

Åslund selbst nennt Progressiv Rock in Kombination mit Jazz und Neo Klassik als stilistische Eckpfeiler, auf denen sein Werk ruht. Um diese Begriffe jedoch nachvollziehbar miteinander verknüpfen zu können, genügt keine intellektuelle Kombinatorik, es bedarf höchst aufmerksamen und bestenfalls mehrfachen Hörens. Belohnt wird man dann mit einem gänzlich organischen Zugang zu diesen zunächst komplex bis kompliziert wirkenden Werk, das in seinen Einzelkompositionen teilweise eine Länge von für das heutige Ohr fast inkompatiblen sieben Minuten erreicht.

 

Eleganz, Virtuosität, Facettenreichtum, kompositorische Komplexität, Vielschichtigkeit, Kultiviertheit, Detailreichtum, Klangmalkunst, Überreiztheit, ästhetische Manier, Überladenheit, Filigranität und auch Bombast, der ins Melodramatische kippt – all diese Worte mögen einem durch den Kopf gehen, wenn die Musik einem in seinen Atempausen die Zeit dazu lässt. Doch ist dies nur ein Wortwirbel, der lange kein Gesamtbild ergibt. Das zeichnet sich erst allmählich im Ausklang, in der Beruhigung, vielleicht im Wiederhören.

 

Åslund bedient sich bei seiner Arbeit vielerlei musikalischer Register, vielerlei Sprachen und Ausdrucksformen. Und dennoch schafft er es, aus dieser Welt des Allvermögens seine eigene künstlerische Stimme herauszuarbeiten, ja vielleicht sogar erst zu finden. Oft führt so ein schlichtes Thema durch die Komposition, genauso oft jedoch löst sich dies auch einfach auf und transformiert zu etwas völlig Neuem. Es gleicht somit eher einer Suchbewegung als einer Vorbestimmung, so paradox das angesichts der Durchkomponierheit von Dirt Road auch klingen mag.

 

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