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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 03:35

Oscar Brenifier: Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?

17.10.2011

Sein und Schein

Man muss ja nicht immer gleich bei Nietzsche oder Schopenhauer nachschlagen, um die Welt zu verstehen. Man kann ja auch mal selber nachdenken, was es mit der Welt auf sich hat. GEORG PATZER hat das an dem Buch Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da? probiert.

 

Da ist doch was falsch, oder? »Notwendigkeit«, steht da, »heißt, dass man nicht wählen kann. Sie ist das, was uns aufgezwungen wird und uns einschränkt. Der Notwendigkeit muss man sich fügen.« Aber das stimmt ja nicht. Eine Notwendigkeit ist, dass ich essen und trinken muss, schlafen und atmen. Wird mir das aufgezwungen? Doch nur, wenn ich die Natur, meine eigene Natur, die menschliche Natur, als etwas Feindliches sehe. Aber wie das Wort schon sagt: Das ist meine Natur. Wenn ich nicht mehr atme, sterbe ich – zum Glück haben wir einen Atmungsreflex. Wenn ich nicht mehr esse, auch: Das kann man sogar erzwingen, kann sich zu Tode hungern.

 

Aufgezwungen werden andere Sachen: Man muss Geld verdienen, um die Miete zu bezahlen, sonst wird man aus der Wohnung rausgeworfen. Muss sich etwas anziehen im Sommer, sonst wird man angezeigt oder kommt womöglich ins Irrenhaus, wenn man nackt rumläuft.

 

Aber da sind wir dann schon mittendrin. Das Buch mit dem langen, pfiffigen Titel „Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?“ ist ein Grundkurs in philosophischem Denken. Gegliedert ist es in Gegensatzpaaren: Eines und Vieles, Endlich und Unendlich, Sein und Schein, Vernunft und Leidenschaft, Natur und Kultur, Zeit und Ewigkeit, Das Ich und der Andere, Körper und Geist, Aktiv und Passiv, Objektiv und Subjektiv, Ursache und Wirkung, und eben Freiheit und Notwendigkeit.

 

Gerade der Widerspruch, z.B. bei der Erklärung der Notwendigkeit, ist produktiv, denn er setzt genau das in Gang, was der Autor möchte: zum eigenen Nachdenken anregen. Deswegen sind die Kapitel auch sehr kurz: Jedem Begriff wird eine kleine Erläuterung beigegeben (»Freiheit ist die Möglichkeit, aus sich selbst heraus zu wählen, was man denkt, was man tut, was man liebt, wohin man geht, wie man sich verhält…«), dazu eine Illustration (hier eine Gruppe von Wesen, die auf der Wiese Fußball spielen, im Vordergrund ein Männchen mit blauem Haar, das in einem Buch liest). Danach kommt eine Frage, die den Gedankenprozess weiter in Gang setzt, ihn mit einer Möglichkeit füttert, einer Idee, einem Widerspruch (»Kann es Freiheit geben, wenn man die Notwendigkeit ignoriert?« – und das Bild zeigt einen Fisch, der mit einem Riesensprung aus seinem Aquarium hechtet), und als drittes folgt eine Stellungnahme, eine weitere Möglichkeit. Ich zögere, hier das Wort »Antwort« zu setzen, denn Antworten sind es nicht immer. Eher weitere Denkanstöße.

 

Leselustvermittlung ohne Buchgelehrsamkeit

Nicht immer passt das alles so genau zusammen in diesem Buch, manche Illustrationen mit ihren quadratschädeligen Köpfen und dem sparsamen, manchmal nichtssagenden Gesichtsausdruck sind etwas zu platt und phantasielos. Und bei dem Gegensatzpaar Vernunft und Leidenschaft sehen wir einen, der lächelnd mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug springt, der andere steht mit heruntergezogenen Mundwinkeln oben an der Tür: Ist es die Vernunft, die ihn zurückhält oder vielleicht Angst? Das ist zu ungenau.

 

Anderes weckt sofortigen Widerspruch. Nicht nur die Definition der »Notwendigkeit«. Sondern auch, dass der Autor den Tieren gleich an zwei Stellen ein Bewusstsein rigoros abspricht. Und da lässt der Autor die auch nur oberflächliche Kenntnis der Bewusstseinsforschung vermissen. Schade. Denn insgesamt hat das Buch einen erfrischenden Ansatz, spielerisch, meistens recht genau und doch einfach formuliert. Und damit kann es jüngeren Lesern die Lust vermitteln, auch philosophisch nachzudenken, abseits von Buchgelehrsamkeit und ohne nachzuschlagen, was Nietzsche oder Sloterdijk dazu gesagt haben. Sondern von innen heraus, aus sich selbst. Denn das Leben ist ja doch zum Staunen.

 

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