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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 03:46

Sherman Alexie: Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers

04.03.2010

Hoffnung ist kein Fabelwesen

Der Spokane-Indianer Arnold Spirit, genannt Junior, ist unter Seinesgleichen der Letzte in der Rangordnung. Dass er eines Tages den Kampf aufnimmt, überrascht alle - nicht zuletzt Junior selbst. Am meisten aber überrascht ihn, dass, wer kämpft, auch unter ungünstigsten Bedingungen zuweilen siegen kann. Von MAGALI HEISSLER

 

Das Leben in einem Indianer-Reservat ist alles andere als romantisch. Junior, der jüngste der Familie Spirit, hat es besonders übel erwischt. Mit einem sogenannten Wasserkopf geschlagen, stark kurzsichtig, stotternd und klapperdürr, ist er von Kind auf für alle nur eine Witzfigur. In der ‚Sprache’ der im Reservat herrschenden Hoffnungslosigkeit bedeutet das: Prügelknabe. Gäbe es nicht Juniors Freund Rowdy, der ‚nur’ Prügelknabe seines eigenen Trinker-Vaters ist, hätte es Junior wohl nicht einmal geschafft 14 Jahre alt zu werden. Rowdy ist Juniors Held.

 

Die Welt ist größer als ich ...

Eine für Junior ziemlich unheimliche Begegnung der dritten Art mit einem bis dahin verhassten Lehrer verändert ihn jedoch von Grund auf. Er ist fest entschlossen, sich nicht von den lebensfeindlichen Bedingungen des Reservat-Lebens niederdrücken zu lassen, sondern eine Schule außerhalb zu besuchen, andere Erfahrungen zu machen und eine andere Welt zu entdecken.

 

Seine Entdeckungsreise birgt Konflikte, nicht nur mit Rowdy. Und auch jede Menge Überraschendes, bis hin zur Frage, inwieweit selbst der Letzte einer Rangordnung ein verbohrter Rassist sein kann. Zudem hört das Leben nicht auf, Junior böse Schläge zu versetzen. Aber der hat inzwischen gelernt, dass, wer am Boden liegt, keineswegs liegenbleiben muss.

 

... und doch bin ich die Welt

Arnolds Geschichte ist eine lebensechte Groteske und ebenso ist sie erzählt. Juniors Sprache klingt wie  frisch von der Leber weg, sie ist rau und ungeschönt wie die Welt, die ihn umgibt - nichts wird hier ins ins Ästhetische entrückt. Seine freche Offenheit zeigt seinen scharfen Blick für den grausamen Alltag in einem Reservat, bringt jedoch zugleich alles an den Tag, was das Leben erträglich machen kann, und wenn es nur für eine halbe Stunde ist.

 

Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, letztere oft genug mörderisch, geben sich von einem Satz zum nächsten die Hand. Unterstützt werden Juniors Beobachtungen mit ebenso frechen Bildern, Cartoons oder kleinen Strips, die im Wortsinn illustrieren, wie sich das anfühlt, was der Held der Geschichte - und Arnold ist ein großer unter den Helden! - gerade durchmacht. Der zugrundeliegende Horror wird in grimmigen Humor verpackt, so geschickt, dass eine nicht selten der Tiefschlag mitten im herzlichen Auflachen trifft. Junior zielt gut, schließlich ist er ein begnadeter Basketballspieler.

 

Die Erkenntnis am Ende, dass es für niemanden nur eine einzige Schublade gibt, ist hier alles andere als platt, sie ist im Gegenteil lebensrettend. Nicht nur für Junior. Und seine Geschichte ist atemberaubend, herzzerreißend, niederschmetternd und springlebendig - rundum eine ganz besondere Leseerfahrung.

 

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