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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 03:49

Ursula Poznanski: Erebos

25.03.2010

Virtuelle Wirklichkeit

Dass Jugendliche der virtuellen Welt von Computer-Rollenspielen verfallen können, ist nichts wirklich Neues mehr. In ihrem ersten Jugendroman erweitert Ursula Poznanski diese Tatsache um einige neue, beängstigende, aber durchaus denkbare Aspekte, Morton Rhue lässt grüßen. Von BEATE MAINKA

 

An Nicks Londoner Schule wechselt unter der Hand und höchst geheimnisvoll eine DVD immer häufiger den Besitzer. Schnell wird klar, dass es sich um ein Computerspiel handelt, ebenso deutlich wird einigen kritischeren Schülern und Lehrern aber auch, welche Macht dieses Spiel offensichtlich auf seine Spieler ausübt. Nach einigem Zögern nimmt auch Nick die DVD an und beginnt, sich den Regeln zu unterwerfen, um im Spiel zu bleiben. Die Bedingungen lauten: Rede mit niemandem über Erebos (in der griechischen Mythologie der Gott der Finsternis), spiele immer allein, führe getreulich aus, was der Bote dir aufträgt und wenn du scheiterst, bist du für immer aus dem Spiel!

 

Er sieht dich!

Doch das Spiel kann offensichtlich noch mehr, nämlich interaktiv mit seinem Spieler kommunizieren und auf seine Gedanken und Handlungen Einfluss nehmen. Einerseits ängstlich, andererseits völlig fasziniert driftet Nick mehr und mehr in die Welt von Erebos ab, überschreitet immer mehr Grenzen, um voran zu kommen und akzeptiert, dass der Bote aus dem Spiel ihm auch illegale Aufgaben überträgt, die er in der realen Welt der Schule ausführen muss. Realität und Spiel verschwimmen mehr und mehr, Nick verliert die Bodenhaftung, überhört die Warnungen seines besten Freundes Jamie und betrachtet jeden Nichtspieler als Feind. Als Jamie allerdings einen schweren Fahrradunfall nur knapp überlebt, weil seine Bremsen manipuliert wurden, kommt Nick ins Grübeln. Eine Entscheidung steht an.

 

Schöne neue virtuelle Welt

Ursula Poznanski verstrickt die Leser äußerst geschickt in ihre Welten, indem sie die Handlung auf zwei Ebenen ablaufen lässt. In der realen Welt erleben wir einen Nick, der durchaus mit beiden Beinen im Leben steht, Freunde hat, ein intaktes soziales Umfeld und dem Spiel noch sehr skeptisch gegenüber steht. Dann gibt es die ersten Risse: Neugier treibt ihn um, er erliegt dem Spiel und gibt immer mehr seiner Prinzipien, seiner Zeit und insbesondere seiner sozialen Kontakte preis, um gegen die anderen Spieler zu bestehen. Hier erleben wir einen ganz anderen Nick als Spielfigur Sarius, der der zunehmenden Macht erliegt, die er sich erkämpft. Das bettet Poznanski als spannende Fantasygeschichte in die Rahmenhandlung, und der Leser erliegt wie Nick dieser martialischen, einfach und übersichtlich geordneten Spielhandlung, die zunehmend die Realität durchdringt und zu einer realen Gefahr für das Gefüge der Schüler untereinander wird. Wohin treibt Erebos seine Spieler, wie weit gehen sie für ihren Sieg, wie weit lassen sie sich manipulieren?

 

Das erinnert zuweilen an die Mechanismen, die in Morton Rhues Verführungsklassiker „Die Welle“ ablaufen, erhält aber durch die virtuelle Welt noch eine zusätzliche Dimension. Letztlich gelingt es Nick und seinen Freunden, das Spiel zu stoppen, doch zu einem hohen Preis. Die Auflösung, warum das Spiel die Gedanken seiner Spieler aufgreifen konnte, wirkt nachvollziehbar - das ist Poznanski wirklich gut gelungen und erscheint in naher Zukunft möglich. Wenn es tatsächlich so kommt, dann sollten Sie die Computerspiele Ihrer Kinder schnellstens einkassieren und ihnen dieses Buch zu lesen geben. Am besten aber jetzt schon Prävention betreiben!

 

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