Jenseits von Afrika
Eigentlich sollte dieses Buch ein Film werden. Die Idee stammt von Enzo D'Alò, einem 1953 in Neapel geborenen Regisseur, Drehbuchautor und Musiker. Nun hat sich Pierdomenico Baccalario der Vorlage angenommen – immerhin einer der erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautoren Italiens. Als Dritter gesellte sich Gaston Kaboré dazu, 1951 in Burkina Faso geboren und einer der größten Filmemacher des afrikanischen Kinos.
Nun ist es ein Buch. Eines, bei dem man vielleicht zunächst vermutet, man durchschaut die erzählerischen Tricks und Kniffe, bei dem man das Ende vorausahnt. Rokia macht sich auf den Weg. Zunächst an der Seite ihres Geschichten vortragenden Großvaters und als der von Sanagò besiegt wird wie zuvor sein eigener Vater, reist sie alleine in die Stadt aus Sand. Viele der Motive sind bekannt und trotzdem umgibt eine ganz eigene Stimmung dieses zauberhafte Märchen. Denn obwohl überall übernatürliche Kräfte wirken, hat Rokia nicht mehr als ihren starken Willen, ihr Vertrauen in die Aufgabe und ihren Mut. Was viel mehr fasziniert als aller Hokuspokus sind die detaillierten Schilderungen ihrer Wanderung, kleine Begebenheiten am Rande, Freundschaften, die sie schließt, Verbündete, die sie findet. Das alles scheint – obwohl in Buchform – genau in jener oralen Erzähltradition zu stehen, in die Rokia auch gehört.
Lodernde Lagerfeuer, traditionelle afrikanische Speisen wie Kedjennou, ein Gericht aus Huhn, Auberginen, Zwiebel, Tomaten, Thymian und sehr viel Pfeffer, die auf Matten stehen, fremdartige Klänge der Kora, einem kuhfellbespannten Kalebassenkorpus, über den 21 Saiten gespannt sind und der Gesang des Griots, des Geschichtensängers: Das ist kein Roman, der Landeskunde vermitteln möchte. Trotzdem erwächst inmitten des fantastischen Umfelds ein sehr konkretes kleines Stück Afrika. Ein kleines Paradies, ein Fleckchen Erde, von dem wir naiv träumend glauben dürfen, dass die Zivilisation es noch nicht erreicht hat. Und auch noch nicht das Böse. Auf das trifft Rokia bei ihrer Mission erst in der Stadt aus Sand. Es wird verkörpert von der Figur des finsteren Sanagò, aber es liegt auch offen da in Form von stinkenden, offenen Abwasserkanälen, Jauchepfütze, Abfall jeder Art von Plastikverpackungen bis zu verrosteten Motorteilen.