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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 03:49

Stadt aus Sand

01.04.2010

Unter dem Baobab

„Vom Mädchen, das auszog, die Träume zu retten“ erzählt laut Klappentext das afrikanische Abenteuer. Dort lebt in einer Stadt aus Sand der ebenso mächtige wie gefährliche Fürst Sanagò, der  über geheimnisvolle Kräfte verfügt und die Seelen der Menschen raubt. Wer sollte ihm etwas entgegenzusetzen haben? Rokia wagt das Undenkbare. Von ANDREA WANNER

 

Lange Zeit zuvor bereits hatte ein schrecklicher Kampf stattgefunden, in dem Rokias Urgroßvater gegen Sanagò angetreten war, um sich ihm in den Weg zu stellen – und gescheitert war. Mit dieser dramatischen Szene betritt der Leser eine eigene Welt. Gut versteckt wie die beiden Zwillingssöhne des unterlegenen Geschichtensängers verfolgt er den nächtlichen Kampf, in den Bann gezogen von magischen Kräften, die sich vor seinen Augen auftun.

 

Eine weiße Fledermaus

Ein Szenenwechsel führt in ein afrikanisches Dorf, lange Jahre nach dem furchtbaren Geschehen. Zwei weise Männer lenken die Geschicke des Dorfes: der furchteinflößende Priester Setuké und sein Bruder, der Geschichtensänger Matuké. Die beiden sind keine anderen als jene Zwillingsbrüder, die damals ohnmächtige Zeugen des ungleichen Kampfes waren. Durch ihre Kräfte ist das Dorf die letzte Bastion im Kampf gegen Sanagò. Und sie sind die Großväter von Rokia, dem Mädchen, das das Schicksal dazu ausersehen hat, die Menschen vor Sanagò zu retten. Unvorstellbar, dass diese Aufgabe einem Mädchen zukommen soll, aber Rokia hat von einer weißen Fledermaus geträumt und mehr müssen die beiden alten Männer nicht wissen.

 

Jenseits von Afrika

Eigentlich sollte dieses Buch ein Film werden. Die Idee stammt von Enzo D'Alò, einem 1953 in Neapel geborenen Regisseur, Drehbuchautor und Musiker. Nun hat sich Pierdomenico Baccalario der Vorlage angenommen – immerhin einer der erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautoren Italiens. Als Dritter gesellte sich Gaston Kaboré dazu, 1951 in Burkina Faso geboren und einer der größten Filmemacher des afrikanischen Kinos.

 

Nun ist es ein Buch. Eines, bei dem man vielleicht zunächst vermutet, man durchschaut die erzählerischen Tricks und Kniffe, bei dem man das Ende vorausahnt. Rokia macht sich auf den Weg. Zunächst an der Seite ihres Geschichten vortragenden Großvaters und als der von Sanagò besiegt wird wie zuvor sein eigener Vater, reist sie alleine in die Stadt aus Sand. Viele der Motive sind bekannt und trotzdem umgibt eine ganz eigene Stimmung dieses zauberhafte Märchen. Denn obwohl überall übernatürliche Kräfte wirken, hat Rokia nicht mehr als ihren starken Willen, ihr Vertrauen in die Aufgabe und ihren Mut. Was viel mehr fasziniert als aller Hokuspokus sind die detaillierten Schilderungen ihrer Wanderung, kleine Begebenheiten am Rande, Freundschaften, die sie schließt, Verbündete, die sie findet. Das alles scheint – obwohl in Buchform – genau in jener oralen Erzähltradition zu stehen, in die Rokia auch gehört.

 

Lodernde Lagerfeuer, traditionelle afrikanische Speisen wie Kedjennou, ein Gericht aus Huhn, Auberginen, Zwiebel, Tomaten, Thymian und sehr viel Pfeffer, die auf Matten stehen, fremdartige Klänge der Kora, einem kuhfellbespannten Kalebassenkorpus, über den 21 Saiten gespannt sind und der Gesang des Griots, des Geschichtensängers: Das ist kein Roman, der Landeskunde vermitteln möchte. Trotzdem erwächst inmitten des fantastischen Umfelds ein sehr konkretes kleines Stück Afrika. Ein kleines Paradies, ein Fleckchen Erde, von dem wir naiv träumend glauben dürfen, dass die Zivilisation es noch nicht erreicht hat. Und auch noch nicht das Böse. Auf das trifft Rokia bei ihrer Mission erst in der Stadt aus Sand. Es wird verkörpert von der Figur des finsteren Sanagò, aber es liegt auch offen da in Form von stinkenden, offenen Abwasserkanälen, Jauchepfütze, Abfall jeder Art von Plastikverpackungen bis zu verrosteten Motorteilen.

 

Ein Märchen

Niemand versucht hier eine Lektion in Sachen Dritter Welt. Das Thema Gleichberechtigung interessiert nur am Rande, und Rokia ist eben doch eine Heldin aus einem Buch und kein Mädchen aus Fleisch und Blut. Und dennoch. Wenn sie versucht, die Seele ihres Großvaters, die in einer Ampulle verwahrt ist, zurückzuholen, wenn sie  sich mit einem Fuchs anfreundet und todesmutig nichts scheut, was ihr gefährlich werden könnte, vergisst man manchmal, dass hier nur ein Märchen erzählt wird. Von drei Meistern ihres Fachs, die diese Geschichte mit unterschiedlichen Zutaten gewürzt haben, die sie zu dem machen, was sie ist: etwas Ungewöhnliches, Besonderes, mit einem Hauch Fernweh und einem Schuss Nostalgie und dabei doch auch Bodenständiges, das sich nicht einfach mit dem Begriff „Fantasy“ abstempeln lässt.

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