Klischees ohne Ende
Die Großmutter, selbst gelernte Bäckerin, was sie in den Augen ihres Schwiegersohnes nur bedingt salonfähig macht, hat eine Idee: ein Praktikum bei ihrem Friseur. Indiskutabel in den Augen von Monsieur Feyrières. Auch nicht schlechter als irgendetwas anderes nach Meinung von Louis. Tatsächlich klappt es. Louis darf eine Woche lang im Salon Marielou das Friseurhandwerk kennen – und lieben - lernen. Denn zu seiner eigenen Überraschung entwickelt er eine ungeahnte Leidenschaft für diesen Beruf, zeigt, dass er durchaus Talent hat und kommt endlich dem auf die Spur, was er sich für sein weiteres Leben wünscht.
Bis es allerdings so weit ist, führt Marie-Aude Murail ihren zögerlichen Helden samt den Lesern in eine Welt, die wie eine Karikatur wirkt. Madame Marie-Lou, eine kräftige, stark geschminkte Dame, thront als Chefin hinter der Kasse und plaudert vertrauensvoll über intime Dinge mit den Kundinnen und Kunden. Der einzige männliche Friseur in dem Laden wird Fifi genannt, trägt sehr enge schwarze Hosen und ein leicht gebauschtes weißes Hemd und ist natürlich schwul. Garance ist Lehrling, nur aufgrund schlechter Noten in diesem Beruf gelandet und eigentlich würde sie lieber Kosmetikerin werden. Und die schöne Clara steckt in einer Beziehungskrise, weil ihr Freund sie als Prostituierte für sich arbeiten lassen möchte. Die Leute, die zum Waschen, Schneiden und Tönen, zur Dauerwelle und zum Rasieren kommen, sind eigenwillige Figuren mit Schicksalen, die in wenigen Sätzen angedeutet werden. Kein Vorurteil, das es hinsichtlich von Friseuren und Frisiersalons gibt, das Murail auslässt. Genau damit gelingt ihr ein wirkliches Kunststück, denn Louis beginnt, die Menschen wirklich wahrzunehmen. Er lässt sich auf sie ein, nimmt sie und ihre Probleme ernst und entdeckt dabei Erstaunliches.