Morton Rhue: Fame Junkies
22.04.2010
Den richtigen Weg finden
Ein zufälliges Ereignis, ein wenig Talent und ein bisschen Glück, das ist doch wohl alles, was man braucht, um berühmt zu werden? Das Blitzlichtgewitter, das Stars umtost, kann blind machen, sogar wenn es aus der eigenen Kamera stammt. So mancher Weg, der doch ganz klar und gerade vor einer zu liegen scheint, wird auf diese Weise zur Stolperfalle. Rechtzeitig abbiegen können, ist die eigentliche Herausforderung. Von MAGALI HEISSLER
Jamies Leben ist ein normales Teenagerleben in New York, mit Höhen und Tiefen in Familie, Schule, Freundschaften. Selbst dass sie sich am liebsten mit dem Leben der Stars der Film - und Musikwelt beschäftigt, ist normal. Bis zu dem Tag, an dem sie mit dem Geschenk zu ihrem vierzehnten Geburtstag in der Tasche in einem Café steht und in der Kundin vor ihr einen Star erkennt. Das Geschenk ist eine Nikon und Jamie drückt genau im Moment einer privaten Krise dieses Stars auf den Auslöseknopf. Es gelingt ihr, die Fotos zu verkaufen. Damit hat Jamie Blut geleckt. Bald gilt sie als New Yorks jüngste Sensations-Fotografin, eine ‚Paparazza’. Für Jamie ist das Ganze Spiel und glänzende berufliche Zukunft zugleich. Sie ist ungemein findig in der Erfüllung ihrer neuen Aufgabe, der öffentliche Applaus, der sich vor allem in beträchtlichen Einkünften äußert, scheint ihr recht zu geben. Als sie den Auftrag erhält, das Privat-Leben der jungen Pop-Sängerin Willow eine Woche lang zu begleiten, geht für sie ein Traum in Erfüllung. Zu ihrem eigenen Schrecken muss Jamie feststellen, dass der Traum ganz anders aussieht, wenn man ihn nicht durch die Linse der Kamera, sondern nur mit den eigenen Augen betrachtet.
Glitzer, Glamour, Täuschung, Tod
Rhue erzählt in seinem jüngsten Buch eine bekannte Geschichte, die Geschichte von Täuschung und Entzauberung. Sein Thema, das einer sehr jungen Sensations-Fotografin, hat einige echte Haken, aber Rhues Sicht ist konventionelle und so schreibt er immer ein wenig an den Haken vorbei. Damit das Ganze nicht allzu glatt wird, hat er sich für eine recht raffinierte Konstruktion entschieden. Jamie berichtet aus der Rückschau und zugleich aus zwei weiteren Perspektiven ihrer jüngeren Vergangenheit. Das bringt beträchtliche Spannung in den doch vorhersehbaren Ablauf der Ereignisse. Flankiert werden Jamies drei Geschichten von der Geschichte ihres Schulfreunds Avril, der um jeden Preis - das ist wörtlich zu nehmen - ein berühmter Hollywood-Schauspieler werden will. Das verbindet Rhue dann noch mit der Geschichte eines Stalkers.
Fünf Erzählstränge im Blick zu behalten, fordert den jugendlichen Leserinnen und Lesern ein beträchtliches Maß an Konzentration ab. Dass die Konstruktion überhaupt hält, beweist einmal mehr, daß Rhue ein höchst versierter Schreiber und Erzähler ist.
Jamie ist eine sehr sympathische Protagonistin, in ihrer Blindheit und in allen Fehlern, die sie macht, fast noch mehr als in ihren Stunden der Einsicht. Der heimliche Held aber ist Avril, der mit geradezu unheimlicher Besessenheit und damit fast im klassischen Sinn tragisch auf sein Ziel zu steuert.
Das andere Gesicht der Glamourwelt
Insgesamt wird den jungen Leserinnen und Lesern ein wenig zuviel vorgegeben, zu sehr ans Mitfühlen und nicht genug ans Mitdenken appelliert. Nicht thematisiert wird die Frage nach dem Sensationsjournalismus überhaupt. Die schreckliche Seite der Symbiose von Stars, Fans und Medien wird nur angetippt. Viel zu vorsichtig geht Rhue mit den eigentlichen ‚Drogen’, nämlich Geld und Ruhm um, er verlagert die Diskussion auf einen bekannten und moralisch akzeptierten Nebenkriegsschauplatz, vertraute Drogen, wie Cannabis, Kokain, Medikamente. Das Motiv Stalking fügt dem Ganzen ein Thriller-Element hinzu, das auf jeden Fall den Pulsschlag erhöht, aber noch ein Stückchen weiter vom eigentlichen Thema wegführt.
Das Ende ist zuckersüß, jedoch gut geeignet, um die angesprochene Zielgruppe über die Schocks wegzutrösten, denen sie bei der Lektüre tatsächlich ausgesetzt ist. Die kitschige Covergestaltung liegt dem Inhalt also nicht ganz fern. Dem Roman einen englischen Titel zu geben, noch dazu, wenn der Titel (des noch nicht erschienen) Originalromans ganz anders lauten wird, ist bei einem Jugendbuch eine sehr fragwürdige Entscheidung.
Geschickt präsentierte, spannend erzählte, im Endeffekt eher leichte Kost mit ein paar festeren Bissen, auf denen 13 -, 14jährige durchaus herumkauen werden.
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