Oliver Uschmann: Das Gegenteil von oben
27.05.2010
Perspektivwechsel
Hunger, Seuchen, Terrorismus draußen, Betrug und Gewalt drinnen, so präsentiert sich die Welt. Besser, man ist nicht dabei, mag sich mancher junge Mensch denken. Sich abschließen aber heißt, dass vier Wände den freien Blick verstellen. Manchmal muss man nämlich nur richtig hinsehen, damit die Sache anders aussieht. Von MAGALI HEISSLER
Every day I think about dying,
about disease, starvation, violence, terrorism, war.
The end of the world ...
Die Anfangssätze eines der berühmtesten Gedichte von Roger McGough scheinen für den 15-jährigen Dennis geschrieben zu sein. Die Schrecken des Lebens treffen ihn hart, ins Gesicht, ins Herz, jederzeit, denn Dennis hat keine Schutzhäute. Daher hält er sich am liebsten von den Menschen fern. Die Wohnung oben im Hochhaus und vor allem der kleine Pool auf dem Dach stützen seine Illusion, losgelöst über allem zu schweben und sicher zu sein.
Allerdings fördert sie auch seinen Voyeurismus. Dennis beobachtet die Menschen im gegenüberliegenden Wohnturm mit seinem Fernglas. Mehr noch, er mischt sich heimlich in ihr Leben ein, denn eigentlich wünscht er sich, dass alle immer glücklich sind. Sein eigener Bekanntenkreis ist mehr als klein. Am besten versteht er sich mit Ingo, Star Wars-Fan und fast zehn Jahre älter als er, der in der Videothek des Wohnblocks arbeitet. Wenn Dennis nicht die Nachbarn ausspioniert, kämpft er gegen imaginäre Feinde aus seiner Spielekonsole, hartnäckig, verbissen, besessen, Level für Level. Schließlich muss man immer gewappnet sein, Gefahr lauert überall. Überleben wird am Ende nur, wer am schnellsten zieht.
It helps keep my mind off things beendet McGough sein Gedicht 1979, und beinahe wäre auch Dennis in diese Falle gelaufen, kopfüber. Es dauert eine gute Weile, ehe er begreift, dass Angst auch Schreckgespenster erzeugen kann. Aber was ist wahr und was ist erdacht? Steckt wirklich in jedem Menschen ein Mörder? Ist wirklich jeder Freund in Wahrheit ein Verräter? Ist Liebe immer Lüge? Bodenhaftung zurückgewinnen ist die schwerste Sache der Welt, wenn alles auf dem Kopf steht.
Eine mutige Botschaft
Für sein erstes Jugendbuch hat Uschmann eine komplexe Geschichte über die höchst verwirrende Zeit der Pubertät eines Jungen gesponnen. Sehr geschickt läßt er seinen Protagonisten auf der Schwelle zwischen Welten balancieren, zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, zwischen Beschützt-sein-Wollen und Beschützer sein, lieben und Liebe suchen. Zwischen Verstehen-Wollen und sich Erkenntnissen verweigern, weil sie das Ende von lieben Gewohnheiten bringen. Die Leiden, denen Dennis ausgesetzt wird, sind nicht gering. Sie sind den vielen hundert Signalen geschuldet, die von allen Seiten auf den Jungen einströmen und die er nicht zu deuten weiß. Erwachsenwerden heißt, Täuschungen zu erliegen, auch schweren. Die Welt erkennt man durch Irrtümer und die vielen, vielen Fehler, die man macht. Eine mutige Botschaft für ein Jugendbuch.
Umgeben wird Dennis von wunderbar gezeichneten Nebenfiguren. Da ist die alleinerziehende Mutter, an deren Perfektion, die sie aus Hilflosigkeit anstrebt, Dennis fast scheitert. Der Informatik-verrückte Schulfreund, den er ganz neu kennenlernen muss. Und natürlich Lara, das schönste Mädchen der Welt, in die er sich verliebt. Der Klassenlehrer, an dem er sich unablässig reibt. Die Ur(!)-Großmutter, die Spezialistin für Verschwörungstheorien ist. Oder Ingo, Quell aller weiser Erkenntnisse von Heraklit bis Einstein. Und selbstverständlich - Meister Yoda. Dass ausgerechnet das fiktionale Universum des großen Weisen mit den grünen Ohren für die reale Bodenhaftung sorgt, ist ein Scherz besonderer Art und passt perfekt zu diesem Roman.
Absurd realistisch
Trotz der Vielzahl der Probleme, die angesprochen werden, vom fanatischen Computerspielen über zerrissene Familien und Kindesmissbrauch bis hin zur aktuellen Weltpolitik, ist die Geschichte alles andere als düster. Uschmanns Figuren sind sympathisch angelegt und noch in den Momenten ihres größten Versagens liebenswert. Dennis ist in seinen Unsicherheiten und nicht selten hanebüchenen Pechsträhnen geradezu zum Knuddeln.
Der klare Stil und die Ernsthaftigkeit, mit der Uschmann selbst die verrücktesten Konstellationen darzustellen weiß, verhindern aber, dass der Geschichte vor lauter Freundlichkeit die Spitzen genommen werden. Spannung, Traurigkeit und Witz werden durchaus im rechten Maß zusammengemischt. Die Überraschung am Ende ist gelungen, auch wenn sie eine Spur märchenhaft erscheint. Das darf sie bei aller Realitätsnähe sein. Schließlich handelt es sich um einen echten Roman.
Lob muss auch für die Umschlaggestaltung ausgesprochen werden, außen wie innen. Für einmal ist eine dieser lästigen Klappenbroschuren rundum gelungen. Vorwerfen kann man dem Ganzen nur, dass es um einiges zu lang geraten ist. Das kann auf weniger geübte Leser - und Dennis’ Geschichte ist ein Jungen-Buch! - gerade im letzten Drittel abschreckend wirken. Aber wie sagt Yoda:"Geduld du musst haben." Hier lohnt sie sich auf jeden Fall!
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