Ein einziger Scherbenhaufen
Kein einfaches Thema, das die Autorin Ann Dee Ellis in ihrem zweiten Buch „Alles in Ordnung“ einem da vorsetzt. Sofort kommt sie zur Sache in ihrem beeindruckenden und vielschichtigen Jugendbuch, und wirft den Leser ins eiskalte Wasser: Schon auf den ersten Seiten wird drastisch klar, dass Mazzys Familie ein einziger Scherbenhaufen ist und in einer Ausnahmesituation lebt: Der Vater hat sich ausgeklinkt und arbeitet wie ein Besessener weit weg von seiner Frau und Tochter, die Mutter ist in einer schweren Depression gefangen, siecht teilnahmslos vor sich hin und findet nicht mehr zurück ins Leben. Und Mazzy? Die versucht mit aller Gewalt die Fassade aufrecht zu erhalten, tut so als sei nichts geschehen und alles beim Alten. Schottet sich ab und wehrt sich gegen jegliche Hilfe. Sie kann sich nämlich sehr gut allein um ihre Mom und sich selbst kümmern: Sie ist ja stark. Die Sozialarbeiterin, die sie bissig „Titten-Behördenfrau“ nennt, lässt sie nur ins Haus, weil die auf dem Ausweisfoto so krank aussieht. Dann aber ist sie störrisch und abweisend, gibt patzige und einsilbige Antworten. Und was der Teenager überhaupt nicht leiden kann, ist Mitleid: „Alle in der Schule sagten, es tut uns so leid wegen deiner Schwester. Geht es dir gut? Es tut uns so leid, so leid. Meine drei besten Freundinnen aßen immer noch mit mir zu Mittag, aber sie redeten nicht mehr so wie früher. Sie bissen nur in ihr Sandwich. Und kauten drauf herum.“
Was die Familie so traumatisiert hat, enthüllt die amerikanische Autorin erst nach und nach. Langsam setzt sie die Geschichte aus kurzen Kapiteln zusammen, die von früher erzählen, von neulich, von jetzt. Es ist ein Geflecht aus Rückblenden und Jetztzustand, in das sie immer wieder kleine Hinweise streut. Die sprachlich oft so subtil sind, dass man sie schnell überliest. Erst einige Seiten später pieken die Wortwiderhaken ins Bewusstsein. Dann wird die dumpfe Ahnung zur grausamen Gewissheit, dass etwas ganz Schreckliches passiert ist. Etwas überaus Tragisches mit Olivia, der kleinen Schwester, das die drei mit Wucht aus der Welt, dem normalen Leben geschleudert hat. In die sprachlose Einsamkeit.
Wo Mazzy ihre Gefühle einsperrt, nichts raus- und nichts reinlässt. Ruppig ist und abweisend, auch gemein. Alles ablehnt und sich, erstarrt in ihrem Trauernetz, verweigert. Nur Norma lässt sie an sich ran. Aber die bohrt auch nicht, drängelt nicht. Ist einfach nur da und genauso zuverlässig wie fett. Und als sie Mazzy umarmt, wird ihr klar, „dass Norma Dinge in Ordnung bringen kann.“ Gegen Colby, den Nachbarsjungen, hat sie auch nichts: Weil der ein bisschen schräg ist, vor allem aber keine doofen Fragen stellt und meistens macht, was Mazzy will.
Ann Dee Ellis lässt ihre Protagonisten keine großen Worte machen. Sie reflektieren Olivias Tod nicht, treiben eher so dahin, jeder auf seine Weise. Versinken nicht in pathetischen Gefühlsduseleien, sondern werden umso authentischer durch die reduzierte Sprache mit dem schroffen Staccatorhythmus und der borstigen Kantigkeit: Mazzys Seelenleben wird greifbar und kommt ganz nah, und am Schluss flimmert ein zartes Licht. Unbedingt lesenswert!