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Hein / Boëtius: Die ganze Welt ...

03.06.2010

Grenzenlose Vielfalt

Mit 26 Zeichen erobern wir die Welt. Liebe, Wut, Leidenschaft, Hass, Freude: alles lässt sich damit ausdrücken. Oft wird die Sprache als Medium des Denkens aufgefasst, mit ihr eignen wir uns die Welt an. Eine Welt ohne Sprache? Unvorstellbar! Vielleicht sollte man deshalb die Einladung annehmen und sich Buchstaben, Silben, Wörter und Sätze einmal genauer anschauen. Von ANDREA WANNER

 

Christa Hein und Henning Boëtius laden zu einem spannenden Workshop in Buchform ein. Den Untertitel „Sprach- und Schreibwerkstatt für junge Dichter“ relativieren sie dabei zum Glück bereits im Vorwort: Schriftsteller zu werden „ist ein großes Ziel und niemand kann dir garantieren, dass du es erreichst.“ Dass es ohne Training nicht geht, versteht sich dabei von selbst. Die 1955 geborene Schriftstellerin Christa Hein und der 1939 geborene Autor Henning Boëtius, der Philosophie, Physik und Literaturwissenschaft studiert hat, sind dabei kompetente Begleiter ins Reich der Sprache.

 

Vom Kleinen zum Großen

„Die einfachsten und kleinsten Bausteine, aus denen ein Text besteht, sind Buchstaben.“ Das klingt banal, füllt sich aber schnell mit spannendem Leben, wenn man beispielsweise das Buchstabenmurmelspiel ausprobiert. Dabei sind die Vokale Murmeln und sollen in kleine Konsonantenmulden rollen, zum Beispiel M…..r. Erlaubt sind dabei auch Umlaute, Doppellaute und Doppelvokale. Es ergeben sich beispielsweise die Wörter „Meer“, Moor“, „mehr“, „mir“. Es gibt lange und kurze Vokale, helle und dunkle und schon allein damit lässt sich fantasievoll spielen.

 

Dem Kapitel zu den Buchstaben folgt eines über die Silben. Das dritte gehört den Wörtern, das vierte bastelt daraus Elfchen und Haikus, kleine Texte, die man aus festgesetzten Regeln zaubern kann und die oft erstaunlich wirkungsvoll sind. Im 10. Kapitel sind wir dann bei den Geschichten angekommen und wer bis dahin an all den vorgeschlagenen Spielen und Übungen teilgenommen hat, lässt sich auf das letzte „Gourmetrezept für eine kurze Geschichte“ schon sehr viel professioneller  ein.

 

Altbewährtes neu aufgepeppt

Hein und Boëtius erfinden die Sprache und den Umgang mit ihr nicht neu, variieren aber zeitgemäß und unterhaltend. Jeder musste und muss beispielsweise während seiner Schulzeit über treffende Synonyme nachdenken und sie zu Papier bringen – zu meiner Zeit zog das lange Listen mit Alternativen zu Wörtern wie „sagen“ oder „gehen“ nach sich. Genau das Gleiche schlagen die beiden Autoren  auch vor, machen dann allerdings gleich die Probe aufs Exempel und probieren die Wirkung an einem Satz aus. Aus „Lena geht über den Platz“ wird:

 

„Lena schlendert über den Platz.
Lena schleicht über den Platz.
Lena trampelt über den Platz….…“

 

Farblich gestaltet: der gleichbleibende Text in Rot, das sich verändernde Verb in Schwarz, die Sätze untereinander gestellt wie ein Gedicht, spürt man die Steigerung der Genauigkeit auf ganz andere Art. Folgt man dann noch dem Vorschlag, die unterschiedlichen Arten ´zu gehen, pantomimisch nachzuahmen, ist man der Verwandtschaft von Schreiben und Schauspielen auf der Spur.

 

Nichts Neues. Aber das Alte wird so präsentiert, dass es Vergnügen macht, es zur Kenntnis zu nehmen, damit zu experimentieren, Im Bekannten Neues und Spannendes zu entdecken.

 

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