von Michael EbmeyerAndrea Maria Schenkel: FinsterauDavid Small: Stiche. Erinnerungen"Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniertDer FUTTERblog - streng verdaulich!Kennzeichen T - 28.04.2012
Nichts steht mehr im Weg, wenn man nur gelernt hat, dass Mauern, Zäune, Höhen und Tiefen sportlich zu überwinden sind. Die Hindernisse des ganz normalen Lebens überwinden zu müssen, ist eine andere Sache. Von MAGALI HEISSLER
Dipper, Skylark, Jay und Corone nennen sie sich, Vogelnamen, die ihr Lebensgefühl ausdrücken, nämlich aus eigener Kraft nahezu schwerelos alle baulichen Barrieren zu überwinden, die auf ihrem Weg durch die Stadt auftauchen. Sich den Weg selbst zu bahnen, ist ihre Vorstellung von Freiheit. Die vier jungen Männer zwischen sechzehn und achtzehn sind Traceure, ihr Lebensgefühl, zugleich ihr Sport, heißt Parkour. Gleich, ob Schüler oder Hilfsarbeiter auf dem Bau, sie trainieren in jeder freien Minute. Die Angst zu stürzen ist immer dabei, aber Parkour ist nicht nur eine Frage der Muskeln, sondern auch eine Frage der inneren Einstellung. Eben die wird in einigen kurzen Spätherbstwochen herausgefordert, als sich die Gruppe entscheiden muss, wie stark ihr Zusammenhalt über die gemeinsame sportliche Betätigung wirklich ist.
Saut de bras (Anspringen eines Objekts bei Landung in hängender Position)
Es ist unerfreulich kalt, wenn die Geschichte beginnt, und das liegt nicht nur am winterlicher werdenden Wetter. Innerhalb der Gruppe gibt es Konflikte, die umgehend aufflammen, wenn auch nur für einen Moment der gemeinsame Sport nicht im Mittelpunkt steht. Rasch wird deutlich, dass diese Konflikte aus dem familiären Hintergrund der vier rühren. Keiner stammt aus einer heilen Familie, von Wohlstandverwahrlosung bis zur Armutsverwahrlosung reicht die Spannbreite, der unterschiedliche Bildungsstand der Jungen tut ein Übriges. Jeder der vier kämpft um seinen Status, in der Gruppe, gegenüber den Eltern bzw. einem Elternteil und in der Gesellschaft, in die sie hineinwachsen.
Die Jungengruppe wird ergänzt durch Corones zehnjährige lernschwache Schwester, um die er sich in seiner Freizeit kümmern muss und bald auch um seine Freundin Kite. Sowohl die kleine Kittiwake - die Jungen haben auch ihr einen Vogelnamen geschenkt - als auch Kite bringen Probleme besonderer Art, werden aber zudem zu den Katalysatoren der weiteren Handlung bis hin zum dramatischen Höhepunkt. Die Jungen sehen sich Fragen von Fürsorge, Eigenschutz, Liebe und gegenseitiger Verantwortung ausgesetzt, die von ihnen mehr abverlangen, als man von Teenagern fordern darf. Sie hängen ebenso emotional in der Luft, wie sie sich an Mauerkronen entlang hangeln. Die Welt, in d e sie hineinwachsen, ist nicht nur im Winter kalt.
Passement (generell Überwindung von Hindernissen)
Erzählt wird die Geschichte von Dipper, dem sechzehnjährigen ungelernten Bauarbeiter. Die Wahl dieser Erzählerfigur allein gibt der Geschichte schon etwas Besonderes. Dipper ist neugierig, aber denkungeschult, er beobachtet eher, als dass er analysiert. Er hat viele Fragen, aber nicht genug Selbstbewusstsein, sie zu stellen. Reh schenkt ihm eine einfache Sprache, ungeschminkt und nahe an Slang. Dabei, das ist ein weitere Verdienst dieses Romans, arbeitet sie mit äußerster Präzision. Dippers Sprache versinkt nicht im Vagen oder in verbaler Kraftmeierei ohne eigentlich Aussage, sondern entwickelt eine Bildhaftigkeit ganz eigener Art. Zugleich ist sie rhythmisiert, sie paßt sich im Takt dem Handlungsablauf an, sie klettert und springt, rollt ab, federt hoch und landet punktgenau, genauso wie die Traceure auf ihrem Weg, körperlich und seelisch. Die Dynamik des Ganzen ruht zu einem Gutteil auf dieser Sprache.
Die Geschichte der vier Jungen, Kittiwakes und Kites ist aber nicht allein eine Geschichte vom Erwachsenwerden, sondern auch eine Geschichte über Erwachsene und darüber, was ihr Versagen gegenüber Kindern anrichten kann. Kinder und Erwachsenen gehören zusammen, aber daraus kann leicht ein Teufelspakt werden, wenn Erwachsene sich ihrer Verantwortung entziehen.
Unsentimental und ohne Pathos erzählt Reh eine äußerst dramatische und Teilen nahezu tragische Geschichte von falschen Beziehungen, falscher Liebe und richtiger Liebe und dem Schmerz, den Entscheidungen bringen. Liebesgeschichte, Sportgeschichte (mit Verzeichnis der wichtigsten Bewegungen des Parkour), Krimi und dazu noch ganz klammheimlich ganz unmodern moralisch - den Sprung soll ihr mal eine nachmachen.
Eine fast perfekte attérrissage (Landung auf den Füßen) kann man ihr hier bescheinigen.
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