Jeder ist sich selbst der Nächste
Das bestechende an Pfeffers Roman ist, dass er die große Weltpolitik völlig außen vorlässt. Im Gegenteil, Mirandas Welt verkleinert sich zusehends, zuerst werden die Schulen geschlossen, dann nehmen die sozialen Kontakte ab, man igelt sich ein, um das zu schützen, was man noch hat. Gesellschaftliche Solidarität findet nicht mehr statt, Angst und Misstrauen wachsen. Mit dem Ende der Stromversorgung versiegen auch die letzten Informationsmöglichkeiten. Das anzunehmen ist ein mühsamer und schmerzlicher Prozess für das junge Mädchen, das zudem zum ersten Mal verliebt ist.
Pfeffer singt das hohe Lied vom Durchhaltevermögen der amerikanischen Familie unter widrigsten Umständen, sie beschwört den amerikanischen Pioniergeist, der selbst in aussichtsloser Situation noch eine Lösung findet, um sich und seinen Lieben das Überleben zu sichern. Dafür geht man auch schon mal über Leichen, auch wenn das Thema Gewalt nur ganz am Rande gestreift wird. Das mag man goutieren oder auch nicht, realistisch und plausibel kommt Mirandas Tagebuch allemal daher. Denn eines gelingt Pfeffer hervorragend, nämlich darzustellen, wie fragil unsere Zivilisation letztendlich ist und wie schnell gesellschaftliche und infrastrukturelle Netzwerke zusammenbrechen könnten.
Plötzlich zählen ganz andere Dinge, die nächste Mahlzeit, ein sauberes Bettlaken, die Arbeitskraft des Bruders, die Wärme des Ofens. Frühere Selbstverständlichkeiten werden zu kostbarem Gut, ein Stück Schokolade ist der Himmel auf Erden. Und genau das macht diesen Schmöker so spannend, sich einmal vor Augen führen zu lassen, worauf es letztlich im Leben wirklich ankommt.