Jürgen Seidel: Blumen für den Führer
15.07.2010
Die Trivialität der Verführung
Die Geschichte von einer, die vom Heimkind zur Komtess und in höchste gesellschaftliche Nazi-Kreise aufsteigt, muss sich laut den Vorwurf der Trivialität gefallen lassen. Oder hat Jürgen Seidel hier einfach einen ungewohnten Ansatzpunkt zur Erklärung von Verführbarkeit gefunden? Von BEATE MAINKA
1936, kurz vor den Olympischen Spielen in Berlin: Die 15jährige, ausgesprochen hübsche Reni lebt nach dem Tod der Tante auf Haus Ulmengrund, einem bis dato reformpädagogischen Waisenhaus für Mädchen. Hier flüchtet sie sich in humanistische Träume, in denen ihre Eltern angeblich in Lambarene am Urwaldkrankenhaus Albert Schweitzers dessen Arbeit unterstützen. Ebenso wie viele andere Mädchen ergeht sie sich in Schwärmereien für Adolf Hitler, da werden geheime Verstecke gehütet für Zeitungsbilder und abends im Schlafsaal Geschichten gesponnen. Und dann passiert etwas Unvorstellbares, Reni wird ausersehen, bei der Eröffnungsfeier der Olympiade dem Führer einen Blumenstrauß zu überreichen.
Hintergründe und Hindernisse
Das hat durchaus einen handfesten Hintergrund, denn Reni ist die uneheliche Tochter des Grafen Haardt, auf dessen Ländereien Haus Ulmengrund steht, und der Graf verspricht sich inzwischen einige Vorteile von seiner nun anerkannten hübschen Tochter, die er in die Nazi-Gesellschaft Berlins einzuführen gedenkt. Und Reni spielt, geschmeichelt von der plötzlichen Aufmerksamkeit und dem Reichtum, der sie plötzlich umgibt, nach anfänglichem Zögern mit. Es gibt nur ein Hindernis namens Jockel, einen geprügelten Bauernknechtssohn, der ihr Herz erobert hat und nach einem unabsichtlichen Totschlag von der Polizei gesucht wird. Jockel findet Unterstützung bei Renis liebster Erzieherin Waltraud, die wegen ihrer unangepassten Erziehungsmethoden entlassen wird und beim Kommunisten Korff, der ahnt, dass sich in Deutschland einiges ändern wird. Doch die nationalsozialistische Bespitzelungs-Maschinerie arbeitet inzwischen perfekt genug, um dieses Problem aus der Welt zu schaffen.
Der Führer als Abziehbild jugendlicher Träume
Man hat Seidel vorgeworfen, über die Trivialität einer Mädcheninternatsgeschichte nicht hinauszukommen. Dem kann man vordergründig zustimmen, aber man kann auch genauer hingucken. Natürlich haben wir viele gelungene Kinder- und Jugendromane, die das Motiv der Verführbarkeit ausleuchten, aber noch niemand hat sich getraut, die unfassbare Banalität, mit der fast ein ganzes Volk dem Sog des Nationalsozialismus erlag, zu thematisieren. Seidel rückt ganz nah an die Mädchen heran, wenn er ihrem Teenie-Geflüster abends im Schlafsaal breiten Raum gibt. Für junge Menschen wird genau hier nachvollziehbar, was so anziehend an Adolf Hitler war, denn genau so funktioniert heute der Kult um Medien-Ikonen. Da werden ehrfurchtsvoll Devotionalien gesammelt, jede noch so kleine Information gedeutet, da werden ungeahnte Möglichkeiten ausgemalt bis hin zur persönlichen Begegnung. Zweimal trifft Reni, inzwischen zur Komtess Renata aufgestiegen, auf den Führer, voller Erwartungen und bangen Herzens, und beide Male geht sie desillusioniert daraus hervor. Und doch funktioniert der Zauber, denn der Aura der Macht, in der sich alle sonnen, die sich in seinen Kreisen bewegen, kann sich kaum einer entziehen, schon gar nicht ein umworbener junger Mensch in seiner neuen, vermeintlich bedeutungsvollen Position. Denn Reni hat eine besondere Begabung, sie redet sich die Treffen schön, sie fügt in Berichten die tollsten Ergänzungen dazu und man glaubt ihr, weil man glauben will. Junge Menschen lassen sich so leicht überzeugen!
Und die anderen ?
Der Kunstgriff an Seidels Geschichte ist der, dass er die Gegenseite der Regimegegner oder auch nur -kritiker ebenfalls nur im ganz banalen alltäglichen Raum agieren lässt. So wie Jockel, der aus seiner ausweglosen Situation als Sohn eines gewalttätigen Bauernknechtes ausbrechen will oder Waltraud, die Erzieherin, die die schleichenden Veränderungen in der Erziehung der Mädchen nicht hinnehmen will und fassungslos ihre Entlassung hinnehmen muss. Diese Menschen stehen für die Kehrseite der Medaille, dienen als Gegenstück zu Renis kometenhaftem Aufstieg. Man mag Seidel Trivialität bei der Entwicklung seiner Geschichte vorwerfen, aber damit tut man dem Abstraktionsvermögen heutiger Jugendlicher Unrecht. Sie werden sehr wohl begreifen, was da vor sich geht, sie werden froh sein, dass endlich ein Autor den Mut hat, ganz offen die verführerischen Aspekte des Nazi-Regimes aufzuzeigen, die sich in ihrer Trivialität eben tatsächlich selber ad absurdum führen. Und vielleicht werden sie sich fragen, wie sie sich verhalten hätten angesichts der Verlockungen, denen Reni erliegt. Und auf alle anderen, historischen Fragen hat Seidel in seinem ausführlichen Glossar eine Antwort.

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