,,Ein Heft für, wenn ich tot bin."
Gideon Samson, Jahrgang 1985, trifft genau den richtigen Ton. Ziek (dt.: krank) heißt sein 2009 in den Niederlanden erschienenes Buch schlicht. Er verzichtet auf Diagnosen, erspart den Lesern die Vorgeschichte, jenes Stück Normalität, das Belle einmal gelebt haben muss. Ihr Hier und Jetzt ist das Krankenhaus. Was sie sich von der Seele schreibt, geschieht in kurzen Sätzen, bruchstückhaften Dialogen. Auch wenn nicht alle Passagen in jenem gekonnt glaubwürdigen Skizzenstil einer 12-Jährigen durchgehalten werden, ist es doch ein glaubwürdiges Stimmungsbild. Belle erinnert sich an bessere Tage, träumt von der Zukunft, von Reisen, davon berühmt zu werden und davon, einen Jungen zu küssen. Die meiste Zeit ist sie ein Ekel – aber wer wäre das in ihrem Zustand nicht?
„Ich bin wütend auf Gott, weil er Janis Leben genommen und mir diese blöde Scheißkrankheit gegeben hat“, formuliert Belle. Hoffnung ist ein Luxus, den sich die Kleinen wie Jani leisten können. Hoffnung basiert auf Naivität - und die hat Belle längst verloren. Irgendwann war sie so wie Jani. Immer weiter reichen ihre Erinnerungen zurück, bis sie in jener Zeit angekommen ist, als irgendwie noch alles in Ordnung war. Aber Jani stirbt, und das ist eben ein weiterer Beweis für einen Gott, den es nicht geben kann.
„Ich fühle mich wie ein Fisch. In einem Glas. Einem kleinen Glas, aus dem er nie mehr entkommen kann. Ich muss immer im Kreis schwimmen. Und Fischfutter essen.“
Worte, die man aus dem Mund einer 12-Jährigen nicht unbedingt hören will. Aber ist Der Himmel kann noch warten deswegen eine düstere Geschichte? Nein, eher eine, die sehr nahe an der Realität bleibt. Samson lässt das Ende offen. Trotzdem ist Belles letzter Hefteintrag tröstlich: „Eine Erinnerung“ steht da als Überschrift, fett durchgestrichen und ersetzt durch eine neue Überschrift: „Ein Zukunftsbild.“