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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 04:00

Aleksander Melli: Das Inselexperiment

05.08.2010

Reality oder Realität?

Wer hat nicht schon davon geträumt, die Welt zu verändern? Eine Gruppe von Kindern bekommt die Gelegenheit, fünfzig Tage lang auf einer Ferieninsel Parlament und Regierung zu spielen. Das dazugehörige Volk sitzt derweil vor dem Bildschirm. Alle anderen dürfen zuschauen. Alles ist nur ein Spiel. Bis sich die Welt so verändert, dass man handeln muss. Von MAGALI HEISSLER

 

Zwischen acht und zwölf sind die Kinder, die ausgewählt wurden, bei der größten Reality-Show, die es je gegeben hat, das Heft in die Hand zu nehmen. Demokratie live, Politik zum Anfassen, die Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit junger unverdorbener Menschen unmittelbar hörbar machen, das scheint das höhere Ziel der neuesten Show zu sein, die ein privater Fernsehsender, TV 7, eingekauft hat. Die Show hat einen Autor, Bob Hoop, lebhaft, sprühend vor Ideen, provokant, mitreißend. Und mitgerissen werden sie, Eltern, Kinder, die gesamte Öffentlichkeit, Norwegens, in diesem Fall. Selbst wenn die Auftritte Hoops immer seltsamer und am Ende sogar unangenehm bis ekelhaft werden. There is no business like showbusiness, wer will das bezweifeln?

 

 

Kinder an der Macht

Im Mittelpunkt steht der zwölfjährige Max Berg, ein Junge besonderer Art. Er ist Nachrichten-verrückt. Er konsumiert Zeitungen, wie andere Kinder Comics und verbringt die übrige Zeit recherchierend vor dem Computer. Max ist ebenso introvertiert, wie Hoop extrovertiert ist, eigentlich wird er gegen seinen Willen von seinen Fernseh-faszinierten Eltern und seinem besten Freund zum Casting gedrängt. Aber er läßt sich überreden, neben dem Experiment locken schließlich sechs Wochen Spiel und Abenteuer auf einer Ferieninsel.

 

Es stellt sich allerdings schnell heraus, dass es auf der Insel bei weitem nicht so freizügig zugeht, wie zunächst angenommen. Nicht nur werden die Kinder rund um die Uhr von Kameras beobachtet und jede ihrer Bewegungen über den Sender ausgestrahlt, es gilt auch, eine Menge Regeln, das sogenannte ‚Grüngesetz’, zu beachten. Über seine Einhaltung und das dazugehörige Punkte-System wacht die Psychologin Dr. Nellik, göttingleich abgeschieden und streng.

 

Demokratie-Spiel und die unterschiedlichen Charaktere der ausgewählten Kinder entwickeln rasch eine Eigendynamik, die zunehmend explosiver wird. Von der Demokratie zur Diktatur ist es nur ein kleiner Schritt. Aber wer ist der Diktator? Die Zuschauerinnen und Zuschauer? Das ausgewählte Volk, das die Ereignisse teilweise via Touchscreen beeinflussen kann? Der hyperaktive Boris, der das kindliche Ebenbild Hoops ist? Oder Hoop selbst?

 

Max, der zurückhaltende stille Beobachter, steigt am Ende aus. Hat er gehofft, dass sein Abenteuer damit zu Ende ist, hat er allerdings falsch gehofft. Hoops Welt ist mächtiger, als man glaubt. Aber eine Chance gibt es noch.

 

Neil Postman im 21. Jahrhundert

Aleksander Melli hat einen gewaltigen Kosmos entworfen. Nicht nur denkerisch, sondern auch mit seinen Figuren, ihrem Verhalten und den Entscheidungen, vor die er sie stellt. Tatsächlich versucht er ein Abbild der zeitgenössischen technisierten und vom Fernseh-Konsum beeinflussten Welt zu geben, detailgetreu und mit so vielen Facetten wie nur möglich. Die ganze Kultur des alten Europas steht auf dem Prüfstand. Nellik z.B. verkündet ihre Rechtssätze in klassischem Latein. Die politischen Diskussionen der Kinder, an denen Leserinnen und Leser in epischer Breite teilnehmen dürfen, decken ein breites Spektrum vorhandener Parteiprogramme ab, vom Wohlstand für alle bis zur Rettung der Regenwälder, es gibt Diskussionen über Rassismus, Krieg und die Liebe. Im alltäglichen Verhalten der Kinder wie der Erwachsenen auf der Insel spiegeln sich gleichfalls politische wie philosophische Positionen wider. Privates, Politisches, Individualität, Gruppe, Gruppenzwang, das Verhältnis von Strafen und Belohnung, die ganze Problematik menschlicher Interaktion wird durchgespielt und durchgesprochen.

 

Auch formal wird die Vielfalt sichtbar. Die Kapitel-Einteilung gibt nur eine grobe Linie vor. Die Kapitel selbst zerfallen in längere und kurze Abschnitte, Proklamationen, Ansprachen, Briefe, seitenweise Dialoge, einem Theaterstück gleich, mit Regieanweisung. Rasante Einzelszenen explodieren förmlich in ruhige Erzählabschnitte hinein, philosophische Betrachtungen werden abrupt von Berichten über Geschehnisse etwa beim Sender auf dem Festland oder in der Küche auf der Insel abgelöst. Personaler Stil wechselt mit auktorialem, Handlungsfäden werden gesponnen, abrupt abgeschnitten und erst viel später wieder aufgenommen. Max, der Protagonist, ist weniger Sympathieträger und Identifikationsfigur als vielmehr Orientierungshelfer in der immer unübersichtlicher werdenden Welt, die fast ins Chaos versinkt. Melli lässt nichts aus und er überlässt nichts dem Zufall. Zugleich bemüht er sich, im Auge zu behalten, dass die meisten seiner Protagonistinnen und Protagonisten Kinder sind. Seine Hoffnungen liegen tatsächlich bei ihnen.

 

Das ‚Inselexperiment’ ist kein Unterhaltungsroman und kein reines Jugendbuch. Es ist eine politisch-philosophische Abhandlung zur Medienkritik im dünnen Kleid einer skurrilen Spannungsgeschichte, die eher dem Aufklärungsroman des 18. Jahrhunderts verpflichtet ist als der zeitgenössischen Literatur, in ihrer bewussten Stellungnahme aber deutlich ein Kind der Moderne ist. Es ist eine politisch-philosophisch-literarische tour de force, in einer klaren, sicheren Sprache, mit einem immensen Vokabular, wieder einmal brillant, weil scheinbar wie im Spiel, übersetzt von Gabriele Haefs.

 

Das Ende, Max’ Entscheidung, seine letzte Tat, kommt klar und eindeutig und ist unserem gesellschaftlich vorgeprägten Denken in seiner Konsequenz schon so fremd, dass man den Knall leicht überhören kann. Dabei ist er nichts anderes als ein neuer Urknall.

 

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