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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 04:01

James Roy: Town. Irgendwo in Australien

19.08.2010

Irgendwo, nirgendwo, überall

Teenagerzeit. Undankbares Alter zwischen nicht mehr Kind, aber noch nicht erwachsen sein, zwischen wollen und noch nicht können. Wunderbares Alter zwischen wünschen und noch nicht müssen, zwischen bedrückenden Ängsten und prickelnden Erwartungen, schmerzhaft scharf alles und träumerisch vage zugleich. James Roy hat die Magie dieses Lebensanschnitts eingefangen. Von MAGALI HEISSLER

 

Eine namenlose Stadt, eine Gruppe von Teenagern, Mädchen, Jungen, fünfzehn, sechzehn Jahre alt. Man kennt sich, mal näher, mal flüchtiger. Dreizehnmal, dem Lauf eines Schuljahrs folgend, vom Ende des Sommers bis zum Ende der Sommerferien im darauffolgenden Jahr, läßt der Autor einen Teenager aus der Gruppe treten und von dem erzählen, was sie oder ihn gerade bewegt. Das jeweilige zentrale Thema vermischt sich rasch mit den grundlegenden Problemen, die das Alter mit sich bringt. Vorgefertigte Vorstellungen von Sex, eigene schüchtern entwickelte erotische Wünsche, Probleme mit Eltern, Konflikte mit Lehrern und Freunden. Schülerstreiche, Leichtsinn, Dummheiten schlagen um in Verantwortungsgefühl, Voraussicht und Fürsorge. Ängste und Glücksgefühle folgen in rasendem Wechsel aufeinander. Was in einem Moment möglich scheint, erweist sich im harten Licht des nächsten Moment als unmöglich. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick aussieht, am wenigsten die Menschen, die man zu kennen glaubt. Und doch ist alles offen.

 

Seelenlandschaften

Jede der Episoden hat einen eigenen Charakter, den ihrer jeweiligen Hauptfigur. Man begegnet kindlicheren und reiferen Teenagern, sie haben ihre eigene Sprache, gewählter und weniger gewählt, bis hin zu einem Flüchtlingsjungen aus dem Sudan, der die neue Sprache noch sehr mangelhaft beherrscht. Was jede Geschichte nahezu perfekt zum Ausdruck bringt, ist die momentane Gefühlslage der Erzählerin oder des Erzählers. Ganz gleich, ob sie der Liebe oder dem Tod begegnen, die Jugendlichen reagieren spontan. Noch haben sie keine Mechanismen entwickelt, auszuweichen oder auch nur, sich zu schützen. Sie lernen, während sie ihre Erfahrung machen, und der Autor läßt Leserinnen und Leser jede noch so kleine Entwicklungsstufe mitempfinden.

 

Die Geschichten stehen vermeintlich lose nebeneinander, tatsächlich aber gibt es innere Zusammenhänge. In Halbsätzen, mit beiläufigen Bemerkungen erfährt man z.B., dass ein Paar kein Paar mehr ist, dass sich Freundschaften gebildet haben, die kurz vorher noch unmöglich schienen, dass jemand, der bislang als unsympathisch oder dumm galt, alles andere ist, als gerade das. Zurückhaltende träumen die kühnsten Träume, Lebhafte sind im entscheidenden Augenblick nur albern oder zu schüchtern. Ein Schulaufsatz entpuppt sich nicht nur als Liebeserklärung eines Schülers an den klassischen Kriminalroman der 1940er Jahre, sondern verrät zugleich eine ganz persönliche aktuelle Liebessehnsucht, unerwartet, ungeahnt, unerfüllt.

 

Die sattsam abgearbeitete Teenagerzeit wird in diesem Roman zu einem Kontinent voller weißer Flecken, die der Entdeckung harren. Die Reise ist äußerst spannend, aber der Weg nicht einfach. Man hätte dem Buch einen originelleren Titel gewünscht. Sein Inhalt aber ist eigener Art, er verblüfft und überzeugt. Mehrfache Lektüre steigert seinen Wert nur noch.


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