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Mihrali Simsek: Mit 18 mein Sturz

02.09.2010

Nach der Tat

"Keiner rechnet damit, im Knast zu landen." - Aber Mihrali passiert genau das. Wie hat sich sein Leben verändert? Und hat er sich dabei verändert? Mihrali erzählt. Von MAGALI HEISSLER

 

Aus der Gemeinschaft fallen

Mihrali (der Name wurde geändert) ist Türke der vierten Generation in Deutschland. Er fühlt sich keiner der beiden Kulturen richtig zugehörig, er probiert, er testet Grenzen aus. Er ist gescheit genug, aufs Gymnasium zu gehen, aber er kann auch dort nicht Fuß fassen. Was lockt, ist das, was er unter einem abenteuerlichen Leben versteht. Immer in Bewegung, immer etwas Aufregendes tun, verrückt sein, mit den Freunden zusammensein, mit denen er, im romantischen Überschwang der Pubertät, Blutsbrüderschaft geschworen hat. Ein geregeltes Schülerleben? Langweilig. Egal, wer ihn abzuhalten versucht, Unsinn zu treiben, Eltern, Verwandte, Lehrer, er hört nicht auf sie. Wann immer es ihn packt, wird gemacht, was ihm gerade in den Kopf kommt. Die islamische Gemeinde, zu der er gehört, wird beim Gebet aufgemischt ebenso wie die Schulklasse im Unterricht oder die Kneipe, wenn dort etwas missfällt. Hauptsache Spaß. Erste zaghafte Versuche, als Rapper Fuß zu fassen, scheinen ihm zeitweilig eine neue Art von Sicherheit zu geben, aber das hält ihn nicht auf.

 

Aus dummen Teenagerstreichen wird Kleinkriminalität, dann, verwirrt, volltrunken, folgt der letzte Streich. Der Griff zum Messer, dem Gegenstand, der wahre Männlichkeit demonstriert, endet fatal. Ergebnis: sechseinhalb Jahre Jugendstrafanstalt. Mihrali ist gerade achtzehn Jahre alt. Die neue Situation, aus der er sich aus eigenem Willen nicht befreien kann, zwingt ihn zum Nachdenken. Der Prozess ist mühsam. Sich einfügen müssen, Sinn und Unsinn von Regeln erkennen, Schwäche akzeptieren, Fehlverhalten wahrnehmen, Gemeinschaftsgeist entwickeln, der Weg ist hart. Mihrali entdeckt das Schreiben und glaubt, damit endlich etwas gefunden zu haben, das ihm Halt gibt.

 

Zwischen Betroffenheitsliteratur und Problembericht

Das Thema ist heiß, die Ingredienzien vorgegeben. Das ist das, was beim Lesen dieses Berichts rasch auffällt. Der Ich-Erzähler, der diesen Text zusammen mit dem Journalisten Daniel Oliver Bachmann geschrieben hat, scheint so ziemlich jedem Klischee zu entsprechen, das hierzulande über männliche türkische Jugendliche in der öffentlichen Diskussion herumgeistert. Unangepasst, aggressiv, unkontrollierbaren Emotionen unterworfen, spielen, trinken, kiffen, in einer fremden Sprache herumschreien, was umso gefährlicher wirkt, sich prügeln, seltsame Ehrvorstellungen und am Ende das Messer, was sonst.

 

Klischeehaft ist auch der Ablauf der Ereignisse und ihr Einsatz, nämlich, angeblich auf Wunsch des Berichterstatters, als Warnung, nur nicht die gleiche Dummheit zu begehen. Hier sind wir nicht mehr nur in der Betroffenheits-, sondern in der klassischen religiösen Erbauungsliteratur gelandet, nämlich der Schilderung des Wegs des irrenden Sünders bis zur bösen Tat, mitsamt Reue, Umkehr und Hoffnung auf Errettung durch höhere Gewalten. Die Abfolge ist viele hundert Jahre alt und jeder einzelne Schritt davon ist in vorliegendem Buch klar erkennbar.

 

Es ist alles andere als leicht, hinter den Stereotypen das auszumachen, was tatsächlich auch in diesem Buch steckt. Nämlich ein völlig verunsicherter, in jeder Hinsicht heimatloser junger Mann, der überfordert ist damit, kulturelle Vorstellungen unterschiedlichster Richtungen zu vereinen und daraus einen Nutzen zu ziehen, der sowohl ihm als auch der ihn umgebenden Gesellschaft zuträglich ist. Der eigentlich Kampf, den der, der hier Mihrali genannt wird, ausfechten muss, blitzt immer wieder auf, in Brüchen in seinem Denken, etwa, wenn es um Freundschaft und Familie geht, Beziehungen, bei denen er zwischen Scham und Liebe schwankt. Oder in seinen Bemühungen um die Rechte der Mithäftlinge und schließlich in seinen Bemühungen, über sich zu sprechen.

 

Welches Leben?

Da die Hintergründe fast völlig ausgeblendet sind, fehlt hier jegliche Komplexität. Man sieht sich aufgefordert, ein Einzelschicksal zu beklagen, nicht über Zusammenhänge nachzudenken. Etwas, das im Übrigen auch dem Protagonisten abgeht. Das mag zeitgemäß sein, modern ist es nicht. Die Lektüre hat etwas Altbackenes an sich.

 

Der klare Stil und der geschickte Aufbau, bei dem die Perspektive zwischen ‚Drinnen’ und ‚Draußen’ wechselt, verhindern weitgehend zumindest den Voyeurismus, der mit der Lektüre derartiger Texte einhergeht. Für Uneingeweihte sind die Informationen über den Alltag in einer Strafanstalt sicher nicht nur interessant, sondern auch schockierend. Positiv zu vermerken ist die Sachlichkeit, mit der von ihnen berichtet wird, ohne Effekthascherei. Das Cover ist attraktiv gestaltet, die Texte auf Rückseite und Klappen informieren zuverlässig über das, was man bei der Lektüre erwarten kann.

 

Wie ‚echt’ diese Geschichte ist, läßt sich schwer einschätzen. Wer genau die Zielgruppe sein soll, auch nicht. Was die Lektüre sicher nicht bewirkt, ist, dass irgend jemand durch das Buch auf den so gelobten rechten Weg kommt. Bei allem Guten, das Bücher für Menschen sein können, hieße das, ihren Einfluss wahrlich sehr zu überschätzen. Bleibt die Frage: braucht man Betroffenheitsliteratur für Jugendliche und dann gleich noch eine eigene Reihe?


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