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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 04:02

Beate Teresa Hanika: Erzähl mir von der Liebe

13.09.2010

Schöner Schein

Es ist der Traum vieler junger Mädchen zu den Schönsten im Land zu gehören. Ermutigt von zahllosen Castingshows sehen sie sich bereits in Mailand oder Paris auf dem Laufsteg oder als Covergirl auf einem der bekannten Hochglanzmagazine. Leni hat diesen Traum auch geträumt. Von ANDREA WANNER

 

Mit wenigen Sätzen versetzt uns Beate Teresa Hanika in die Welt der Schönen und Reichen. In einer schlossähnlichen Berliner Villa in Dahlem steigt eine Party. Der Champagner fließt in Strömen, der Fußboden ist mit roten Rosen bedeckt und dazwischen bewegen sich elfengleiche Schönheiten – von dem Gastgeber, ein zwielichtiger Typ namens Yunes aus Bulgarien von einer Agentur gebucht, alle in der verzweifelten Hoffnung, endlich den Durchbruch zu schaffen, statt kleiner, mieser Fotojobs endlich die große Karriere zu starten. Fast alle hoffen darauf. Leni und ihre beiden Begleiterinnen Hannah und Kennedy machen sich nicht viel vor: sie haben die 20 hinter sich und sind damit auf diesem gnadenlosen Markt eigentlich schon zu alt.

 

,,Zu romantisch, um wahr zu sein"

Leni ist an einem Punkt in ihrem Leben angekommen, wo sie weiß, dass ihr Traum ausgeträumt ist, dass sie nur noch ein Weilchen als Staffage auf dekadenten Partys oder als bezaubernde Begleiterin von Männern mit dickem Geldbeutel dienen kann. Sie ist seit vier Wochen in Berlin „Nach Berlin kommen die Mädchen, die für die Couture zu alt geworden sind.“ Und „alt“ ist man in dieser Branche schnell. Da hilft es auch nichts, wenn das Alter auf den Sed-Karten nach unten verschoben wird. Neue, jüngere Mädchen stehen schon in den Startlöchern, bereit für ihren Traum alles zu geben. Leni hat Glück gehabt: die von der Agentur arrangierte WG entpuppt sich wider aller branchenüblichen Gesetze als mehr als eine Notgemeinschaft. Leni, Hannah und Kennedy sind in der kurzen Zeit so etwas wie Freundinnen geworden. Es ist das Einzige, an das sich Leni noch halten kann. „Die Leni, die sucht die große Liebe“, frotzeln die anderen, längst desillusioniert und davon überzeugt, dass es so etwas nicht geben kann. Die Party in Dahlem wird zum Wendepunkt in ihrem Leben.

 

Leni trifft Levi und verliebt sich. Levi stammt aus Sofia und spricht kein Deutsch. Trotzdem entdeckt die unglückliche junge Frau eine Seelenverwandtschaft, fühlt sich sofort zu dem Jungen, der aussieht, „als würde er am liebsten von seiner eigenen Kommunionsfeier verschwinden“, hingezogen.

 

,,Die Liebe hat viele Gesichter, sage ich, und das eigene ist eines davon"

In kunstvoll miteinander verwobenen Erzählsträngen lässt die Autorin Leni ihre eigene Geschichte, die ihrer Freundinnen Hannah und Kennedy und die von Levi erzählen. Leni träumt sich zurück in ihre Kindheit, auf den Hof der Eltern, die eine Schafzucht betreiben, an den Frust, das vertane Leben der Erwachsenen und ihre eigene Sehnsucht nach mehr als nur den Sohn des Nachbarn, den sie heiraten und mit ihm gemeinsam den Hof übernehmen könnte. Die Hoffnung, mit der sie sich aufmachte in die große Welt, sie erobern wollte. Und bei ihr wie bei den anderen die Ernüchterung. War der Weg, den sie gewählt haben, der falsche?

 

Beate Teresa Hanika weiß, wovon sie schreibt. 1976 in Regensburg geboren, arbeitete sie selbst ab 1997 als Modell in verschiedenen europäischen Städten ehe sie sich der Fotografie und dem Schreiben zuwandte. Treffsicher zeichnet sie die verschiedenen Charaktere und entwirft mit leichter Hand eine zarte Liebesgeschichte inmitten eines gnadenlosen Umfelds. Als Kapitelüberschriften wählt sie zehn Zitate ihrer Figuren, die für verschiedene Wege und Möglichkeiten im Leben stehen. Am Ende werden sich alle entschieden haben und der Preis wird für manchen hoch sein.

 

Ob ein Buch junge Menschen davon abhalten kann, sich in diese glitzernde Scheinwelt zu stürzen? Sicher nicht. Aber vielleicht trägt es jenseits aller Unterhaltung doch dazu bei, sich Gedanken über das zu machen, was man nicht sieht. Über den mörderischen Stress, die grenzenlose Vereinsamung und den hohen Preis, den man für ein paar Momente im Rampenlicht bezahlen muss.


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