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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 04:05

Oscar Hijuelos: Runaway

04.10.2010

Wie weit man auch geht, man hat sich immer im Gepäck

Weiß, schwarz, braun, die Hautfarbe bestimmt, wohin man gehört. Schlimm jedoch, wenn die Natur einem einen Streich spielt. und man nirgendwohin passt. Warum ist nichts im Leben eindeutig? Diesem Problem müssen sich alle stellen, aber für einen Teenager ist es am schmerzlichsten. Rico leidet im Harlem der ausgehenden 1960er Jahre. Von MAGALI HEISSLER

 

Rico ist der Sohn kubanischer Einwanderer, aber als einziger in seiner Familie sieht er aus wie ein Weißer. Damit fühlt er sich nicht nur in der Familie fremd, sondern auch außerhalb davon. Überall eckt er an, selbst seine beiden kubanischen Freunde müssen sich rechtfertigen, wenn sie mit ihm unterwegs sind. Überhaupt ist es schwierig, kulturelle Wurzeln, den US-amerikanischen Alltag der späten sechziger Jahre und eigene Zukunftsträume unter einen Hut zu bringen. Zusammen mit seinem Freund Jimmy möchte Rico eine Comic-Serie zeichnen und veröffentlichen. Die Hauptfigur, ein Superheld kubanischer Abstammung, ist Ricos Antwort auf Mobbing und Teenagerfrust. Und auf die wachsenden Probleme mit Jimmy, der heroinsüchtig wird.

 

Gilberto, der zweite Freund, scheint einen Ausweg zu bieten. Er hat genug Geld gewonnen, um fern von New York zu studieren. Wisconsin, der Staat, für den sich Gilberto entscheidet, wird zu Ricos Sehnsuchtsort. Als die Situation in Harlem für ihn unerträglich wird, läuft er mit Jimmy davon, ein moderner Huckleberry Finn mit einem Junkie im Schlepptau. Wisconsin entpuppt sich nicht ganz als das Paradies, wenn auch als idyllisch genug. Der geplante Comic wird fertig und die große Liebe kommt. Sogar für Jimmy gibt es Hoffnung. Trotzdem keimt in Rico bald das Gefühl, immer noch nicht richtig angekommen zu sein. Die Fragen, wer er denn eigentlich ist und wohin er gehört, kann er fern von New York nicht beantworten.

 

Selbsterkenntnis nach alter Väter Sitte

Wieder einmal ein Entwicklungsroman, wieder einmal ein Teenager in all seiner Hilflosigkeit, wieder einmal Familie-Rassissmus-Drogen. Die Geschichte entwickelt sich schleppend, aber nicht etwa, weil Rico der Mut fehlen würde, von sich zu erzählen. Im Gegenteil, er ist munter und beredt genug. Es liegt am Autor, der einen seltsam großväterlich-nostalgischen Ton anschlägt, an den man sich gewöhnen muss. Dabei sind seine Grundideen interessant und enthalten durchaus Spannung. Auch das recht harsche Porträt Harlems wie des ländlichen US-Amerika liefern Stoff zum Nachdenken.

 

Ricos Leiden als weißer Kubaner schwanken zwischen echtem Elend und Absurdität, beides teilt sich beim Lesen unmittelbar mit. Die langsame Gangart passt auch dazu, dass die eigentlichen Schrecken von Ricos Welt behutsam enthüllt werden, in dem Maß, in dem die Hauptfigur bereit ist, sie wahrzunehmen. Sie liegen weniger darin, dass er persönlichem Mobbing ausgesetzt ist. Diese Gewalt ist nur Teil der Gewalt um ihn herum, Ausfluss der strengen Trennung der Bewohner Harlems nach Hautfarben und Herkunft.

 

Brutal sind die Szenen, in denen es um Heroinkonsum geht, grelle Schlaglichter, die aufrütteln sollen, angesichts des vorherrschenden gemächlichen Erzähltempos aber vor allem krude wirken und rasch wieder untergehen. Bedauerlich ist es auch, dass, abgesehen von der Hauptfigur, keine weitere Person zur Identifizierung zur Verfügung steht. Alle anderen Figuren bleiben blass und das nicht nur als Folge von Ricos altersbedingter egoistischer Konzentration auf sich selbst. Es ist, als hätte sich Hijuelos zurückgenommen, weil er sich an junges Publikum wendet. Nicht selten regieren Klischees. Der ganzen Geschichte fehlt es an originellen Einfällen, an Witz und Humor, ganz einfach an Leben. Rico findet am Ende, was er gesucht hat, verliert es wieder und kommt zu der beängstigend schlichten Einsicht, dass es zuhause doch am besten ist.

 

Präsentiert wird das Ganze in feinster Ausstattung, in blaues Leinen gehüllt, auf schwerem Papier gedruckt, mit Lesebändchen, Halb-Schuber und in etwas übergroßem Format. Ein Prunkband, wunderschön anzuschauen, aber schwerfällig wie sein Inhalt, und am besten voll Ehrfurcht und brav am Tisch sitzend zu lesen.

 

Für tapfere Jugendliche.


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