Selbsterkenntnis nach alter Väter Sitte
Wieder einmal ein Entwicklungsroman, wieder einmal ein Teenager in all seiner Hilflosigkeit, wieder einmal Familie-Rassissmus-Drogen. Die Geschichte entwickelt sich schleppend, aber nicht etwa, weil Rico der Mut fehlen würde, von sich zu erzählen. Im Gegenteil, er ist munter und beredt genug. Es liegt am Autor, der einen seltsam großväterlich-nostalgischen Ton anschlägt, an den man sich gewöhnen muss. Dabei sind seine Grundideen interessant und enthalten durchaus Spannung. Auch das recht harsche Porträt Harlems wie des ländlichen US-Amerika liefern Stoff zum Nachdenken.
Ricos Leiden als weißer Kubaner schwanken zwischen echtem Elend und Absurdität, beides teilt sich beim Lesen unmittelbar mit. Die langsame Gangart passt auch dazu, dass die eigentlichen Schrecken von Ricos Welt behutsam enthüllt werden, in dem Maß, in dem die Hauptfigur bereit ist, sie wahrzunehmen. Sie liegen weniger darin, dass er persönlichem Mobbing ausgesetzt ist. Diese Gewalt ist nur Teil der Gewalt um ihn herum, Ausfluss der strengen Trennung der Bewohner Harlems nach Hautfarben und Herkunft.
Brutal sind die Szenen, in denen es um Heroinkonsum geht, grelle Schlaglichter, die aufrütteln sollen, angesichts des vorherrschenden gemächlichen Erzähltempos aber vor allem krude wirken und rasch wieder untergehen. Bedauerlich ist es auch, dass, abgesehen von der Hauptfigur, keine weitere Person zur Identifizierung zur Verfügung steht. Alle anderen Figuren bleiben blass und das nicht nur als Folge von Ricos altersbedingter egoistischer Konzentration auf sich selbst. Es ist, als hätte sich Hijuelos zurückgenommen, weil er sich an junges Publikum wendet. Nicht selten regieren Klischees. Der ganzen Geschichte fehlt es an originellen Einfällen, an Witz und Humor, ganz einfach an Leben. Rico findet am Ende, was er gesucht hat, verliert es wieder und kommt zu der beängstigend schlichten Einsicht, dass es zuhause doch am besten ist.
Präsentiert wird das Ganze in feinster Ausstattung, in blaues Leinen gehüllt, auf schwerem Papier gedruckt, mit Lesebändchen, Halb-Schuber und in etwas übergroßem Format. Ein Prunkband, wunderschön anzuschauen, aber schwerfällig wie sein Inhalt, und am besten voll Ehrfurcht und brav am Tisch sitzend zu lesen.
Für tapfere Jugendliche.


