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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 04:06

Bernard Beckett: Stechzeit

25.10.2010

Teenager-Thema Nr. 1

Jede und jeder hat es. Wer es nicht hat, will es haben. Es liegt in der Luft und steckt tief in einem. Es ist unausweichlich und überwältigend. Doch wer sich zur Wehr setzt, ist der nur erste, der mit fliegenden Fahnen im Wirbel der Gefühle untergeht, behauptet Bernard Beckett in einem weiteren Geniestreich neben Das neue Buch Genesis augenzwinkernd. Von MAGALI HEISSLER

 

Malcolm, süße sechzehn und ungeküsst, interessiert sich nur für die Wissenschaft, genauer gesagt für den Wissenschaftswettbewerb seiner Schule und zwar ausschließlich für den ersten Preis. Seine einseitige Ausrichtung erklärt den Zustand seines Ungeküsstseins, nicht aber die schmerzliche Tatsache, dass er bislang nur den zweiten Preis gewonnen hat. Diesesmal muss er es schaffen! Fehlt nur das Thema mit der entsprechenden Durchschlagskraft. Malcolm sucht und sucht, aber es ist nicht er, der das preiswürdige Thema findet. Das Thema findet ihn. Es hat drei Buchstaben und eigentlich wird Malcolm ganz schwindelig, wenn er nur daran denkt. Aber daran denken muss er und, Wissenschaftler, der er ist, geht er die doch noch etwas peinliche Sache mit System an. Und mit der Kamera. Sex, das ist die Frage, wer, wo, wann, mit wem und wie war es beim ersten Mal?

 

Zu seinem Erstaunen ist seine Umgebung überaus auskunftsfreudig. Der Wissenschaftler in ihm aber weist mahnend darauf hin, dass er in seiner Unerfahrenheit es schwer und schwerer haben wird, die einlaufenden Informationen korrekt zuzuordnen. Also ist neben der Theorie die Praxis gefordert. Aber wie kommt man von der sicheren Position hinter der Kamera in die richtige Position vor der Kamera?

Da wäre Juliet, die beste Freundin seit dem Kindergarten. Sie ist nicht abgeneigt, kocht aber ihr eigenes Süppchen. Malcolm will nicht unbedingt Liebe, jedenfalls nicht von Juliet. Wenn schon, dann von Charlotte, aber die ist abweisend, wann immer Malcolm in der Nähe ist. Wahrscheinlich ist sie in Brian verliebt, denkt Malcolm und trauert. Kevin trauert auch, denn er ist ganz sicher in Brian verliebt. Brian seinerseits hat aber ein Auge auf Juliet geworfen. So dreht sich das Gefühlskarussell schneller, als die Kamera aufnehmen kann. Und die Überraschungen am Ende konnte wirklich keiner voraussehen, gleich, ob Expertin oder Wissenschaftler. Gefühle eben.

 

Bienchen und Blümchen im Wirbel der Hormone

Becketts Geschichte, die im Original den bei weitem harmloseren Titel ‚Malcolm and Juliet’ trägt, ist eine Art zeitgenössisches Aufklärungsbuch. Die Jugendlichen gehen völlig unverkrampft mit dem Thema Sex um und sprechen ungeniert darüber. Zugleich ist Becketts Ausdrucksweise so dezent, dass das Buch den unwiderstehlichen Charme ganz altmodischer guter Manieren ausstrahlt. Die Unverfrorenheit, und damit das tatsächlich Zeitgemäße, liegt in den verrückten Situationen, in die Beckett seine todesmutige Fünfer-Bande auf ihrer Irrfahrt der Gefühlsverwirrungen wieder und wieder manövriert. Dabei arbeitet er nur mit bekannten Alltagssituationen, die dann in den feuchten Fingern seiner rundum verunsicherten Protagonistinnen und Protagonisten zu Katastrophen zum Teil monströsen Ausmaßes anwachsen.

 

Die Jugendlichen sind mit großer Sympathie, ja, Liebe gezeichnet. Gleich, in welcher Patsche sie sich wiederfinden, man lacht mit ihnen, nicht über sie. Sie müssen einiges durchmachen und so manches davon haben sie verdient. Sie sind nicht immer gut, im Gegenteil. Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, das spüren sie instinktiv und handeln dementsprechend, hin und wieder erschreckend skrupellos.

 

Die Lösung des einen oder anderen Problems am Ende ist nicht ganz realistisch, aber das schadet nichts, die ganze Geschichte hat sich bald zu solchen Höhen aufgeschaukelt, dass die Übertreibungen angemessen sind. Das gilt auch für den grellrosafarbenen Schluss.

 

Die Ausstattung ist wunderbar gewählt. Das Motiv von Biene (de facto -Farbe, Stachel! eine Wespe) und Blume mit ihrem verblüfft-verängstigten Gesichtsausdruck ziert nicht nur das Cover, sondern findet sich auch auf der Innenseite der Klappbroschur, eine altmodische Blümchentapete mit modernem Biss. Dazu gibt es im Buchinnern ein veritables Daumenkino am Seitenrand, ein echter Spaß.


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