Zwischen Wahnsinn und Gespensterjagd
Anderson läßt Lia ihre Geschichte so erzählen, dass die Leserinnen stets in nächster Nähe sind, man kann förmlich Lias Herz schlagen hören. Lia ist ehrlich, sie enthält einer nichts vor. Ihre Wut auf die Eltern, ihr Zorn, ihr Hass, ihre Ekelgefühle ergießen sich aufs Papier. Keine Betrügerei, keine Lüge, wenn es darum geht, im Abnehm-Wahn Siegerin zu bleiben, werden verschwiegen. Man sieht alles aus Lias Augen und sie ist alles andere als objektiv.
Die nötige Distanz gibt es trotzdem, dafür setzt Anderson das Druckbild ein. Worte oder auch ganze Sätze werden hingeschrieben und dann durchgestrichen, als sei da noch eine andere Lia, die Einschätzungen korrigiert, versucht, zurechtzurücken, was der Wahn suggeriert. Dazu gehört das Zurücknehmen gemeiner Ausdrücke ebenso, wie Lias lauter werdender Schrei nach Nahrung, die sie sich doch immer verbieten muss. Jede Minute ihres Kampfs wird so lebendig.
Originell ausgearbeitet sind Lias wachsende Wahnvorstellungen, die sich aus ihrem Schuldgefühl speisen, Cassie in einem entscheidenden Moment im Stich gelassen zu haben. Dafür greift Anderson auf Versatzstücke klassischer Gespenstergeschichten zurück. Sie sind überzeugend genug eingesetzt, dass sich empfindsamere Leserinnen wappnen sollten. Der Horror - auch den enthält dieser Roman - , bleibt dafür den realen Geschehnissen vorbehalten, ein weiterer erfrischender und gescheiter Einfall. Unter diesen Horror fallen Lias nahezu unerträglich schmerzliche Beziehung zu ihrer Mutter, das Versagen ihres Vaters, die genauen Todesumstände Cassies und nicht wenige Unternehmungen Lias.
Die Nebenfiguren sind sehr lebendig geraten, obwohl sie konventionell gruppiert sind, sind sie individuell genug gestaltet. Hervorzuheben ist, dass Anderson auf eine Liebesgeschichte verzichtet. Die Rolle, die sie einem gewissen jungen Mann zuweist, ist zeitgemäß und stringent. Hier geht es um Lias Leben und sie muss es sich allein zurückerobern.
Sorgfältig konstruiert, schön bis poetisch formuliert (an dieser Stelle muss die feine Übersetzung von Salah Naoura hervorgehoben werden) und sehr gut durchdacht, ist das Buch trotzdem in erster Linie ein Unterhaltungsroman. Von Anfang an wird an die Gefühle der Leserinnen appelliert und die emotionale Anforderung steigert sich in gewaltige Höhen. Die überaus kundige Hand der Autorin macht das aber wett. Und so ist man als Leserin am Ende um eine zwar gefühlslastige, aber ausgezeichnet erzählte Geschichte, vor allem aber um eine beeidruckende Protagonistin, reicher geworden.

