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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 04:11

Carlos Ruiz Zafón: Mitternachtspalast

13.12.2010

Von schauriger Schönheit

In unserer Reihe »Geschenktipps zum Fest« gibt es diesmal einen schaurig- schönen Jugendroman von Carlos Ruiz Zafón, Mitternachtspalast, der all das bietet, was man für einen heimeligen Winterabend auf dem Sofa braucht: Spannung, Grusel und – Literatur! Von BEATE MAINKA

 

Kalkutta 1916: Ein Leutnant der britischen Armee flieht, im Arm neugeborene Zwillinge, vor einem Mann im schwarzen Umhang und seinen Häschern. In letzter Sekunde kann er die Kinder in Sicherheit bringen, allerdings trennen sich deren Wege dabei. Der Junge, Ben, findet Obdach und Versteck in einem Waisenhaus  Kalkuttas, das Mädchen, Sheree, wird mit ihrer Großmutter auf einer Odyssee quer durch Indien ständig auf der Flucht vor diesem Schwarzen Mann sein. Als beide 16 Jahre alt sind, begegnen sie sich zum ersten Mal, denn Jawahal, der personifizierte Schwarze Mann, ist zurück und trachtet nach ihrem Leben, doch warum? Die Geschwister und Bens Freunde aus dem Waisenhaus geraten immer tiefer in eine Geschichte hinein, in der die Grenzen zwischen Realität und Geisterwelt verschwimmen, in der eine Katastrophe, bei der in einem fahrenden Zug hunderte Kinder verbrannten und der leibliche Vater der beiden, ein verrückter und von außergewöhnlichen Ideen beseelter Ingenieur, eine entscheidende Rolle spielen. Die Lösung des Rätsels ist in der geheimnisvollen Vergangenheit der Geschwister zu finden.

 

Gepflegter Grusel

 

Dem Umstand, dass Carlos Ruiz Zafón mit seinen Erwachsenenromanen »Der Schatten des Windes« und »Das Spiel des Engels« in Deutschland so erfolgreich war, ist es zu verdanken, dass auch seine Jugendromane aus den 1990er Jahren nun in neuer oder erstmaliger Übersetzung erscheinen. »Mitternachtspalast« ist bereits der dritte in dieser beeindruckenden Reihe, in Spanien erschien er erstmals 1994. Einmal mehr erweist sich Ruiz als begabter Schöpfer paralleler Scheinwelten voll fantastisch anmutender Konstruktionen, hier ist es ein gigantischer Bahnhof in Kalkutta, mit dem der Vater der Zwillinge seinen Traum von der Unabhängigkeit Indiens umsetzen wollte in ein funktionierendes Eisenbahnnetz bis in den letzten Winkel des riesigen Subkontinents. In seinen Ruinen erfüllt sich das Schicksal der Zwillinge, hier taucht der Geisterzug mit den schreienden Kindern wieder auf, hier erfahren sie endlich, woher sie stammen. Doch vorher jagt Ruiz seine Leser auf eine geschickt konstruierte Schnitzeljagd durch das Kalkutta der 1930er Jahre, in verfallene Häuser wie den Mitternachtspalast, in denen die Jugendlichen einen Treffpunkt für ihren Club einrichten, in die gigantische Ruine des abgebrannten Bahnhofs, in die engen und heißen Gassen der übervölkerten Stadt.

 

Man fühlt sich bei der Lektüre immer ein wenig an den klassischen englischen Schauerroman erinnert, mit seiner unterschwelligen Spannung ohne große Aktion, der latenten Bedrohung seiner Helden durch ein unergründliches Geheimnis, der düsteren Atmosphäre. Mit diesen Versatzstücken jongliert Ruiz mit geradezu spielerischer Leichtigkeit, findet eine modernere, dennoch elegante Sprache, erzeugt Nervenkitzel und nimmt sich Zeit, seine Geschichte zu erzählen, ohne den Leser vom Haken zu lassen. Und das funktioniert nicht nur bei lesewütigen Jugendlichen (die es ja noch geben soll), sondern bereichert auch erwachsene Leser durchaus. Wenn den Jugendbüchern Ruiz‘ auch noch die komplexe Struktur der Erwachsenenromane fehlt, erahnen kann man den angehenden Meistererzähler schon sehr deutlich.

 

Was braucht man also für einen gelungenen Winterabend, während draußen die Flocken fallen und drinnen das Kaminfeuer lodert? Ein Sofa, ein heißes Getränk und dieses Buch!


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