Gepflegter Grusel
Dem Umstand, dass Carlos Ruiz Zafón mit seinen Erwachsenenromanen »Der Schatten des Windes« und »Das Spiel des Engels« in Deutschland so erfolgreich war, ist es zu verdanken, dass auch seine Jugendromane aus den 1990er Jahren nun in neuer oder erstmaliger Übersetzung erscheinen. »Mitternachtspalast« ist bereits der dritte in dieser beeindruckenden Reihe, in Spanien erschien er erstmals 1994. Einmal mehr erweist sich Ruiz als begabter Schöpfer paralleler Scheinwelten voll fantastisch anmutender Konstruktionen, hier ist es ein gigantischer Bahnhof in Kalkutta, mit dem der Vater der Zwillinge seinen Traum von der Unabhängigkeit Indiens umsetzen wollte in ein funktionierendes Eisenbahnnetz bis in den letzten Winkel des riesigen Subkontinents. In seinen Ruinen erfüllt sich das Schicksal der Zwillinge, hier taucht der Geisterzug mit den schreienden Kindern wieder auf, hier erfahren sie endlich, woher sie stammen. Doch vorher jagt Ruiz seine Leser auf eine geschickt konstruierte Schnitzeljagd durch das Kalkutta der 1930er Jahre, in verfallene Häuser wie den Mitternachtspalast, in denen die Jugendlichen einen Treffpunkt für ihren Club einrichten, in die gigantische Ruine des abgebrannten Bahnhofs, in die engen und heißen Gassen der übervölkerten Stadt.
Man fühlt sich bei der Lektüre immer ein wenig an den klassischen englischen Schauerroman erinnert, mit seiner unterschwelligen Spannung ohne große Aktion, der latenten Bedrohung seiner Helden durch ein unergründliches Geheimnis, der düsteren Atmosphäre. Mit diesen Versatzstücken jongliert Ruiz mit geradezu spielerischer Leichtigkeit, findet eine modernere, dennoch elegante Sprache, erzeugt Nervenkitzel und nimmt sich Zeit, seine Geschichte zu erzählen, ohne den Leser vom Haken zu lassen. Und das funktioniert nicht nur bei lesewütigen Jugendlichen (die es ja noch geben soll), sondern bereichert auch erwachsene Leser durchaus. Wenn den Jugendbüchern Ruiz‘ auch noch die komplexe Struktur der Erwachsenenromane fehlt, erahnen kann man den angehenden Meistererzähler schon sehr deutlich.
Was braucht man also für einen gelungenen Winterabend, während draußen die Flocken fallen und drinnen das Kaminfeuer lodert? Ein Sofa, ein heißes Getränk und dieses Buch!

