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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 04:12

Timothée de Fombelle: Céleste oder Die Welt der gläsernen Türme

27.12.2010

Unsere Zukunft

Das alte Jahr geht zu Ende. Mit Timothée de Fombelles Märchen Céleste wirft ANDREA WANNER einen Blick in die Zukunft.

 

Es ist Liebe auf den ersten Blick. Eine Junge sieht ein Mädchen und weiß: das ist sie. Die und keine andere. Doch so plötzlich wie sie aufgetaucht ist, verschwindet sie auch wieder, irgendwo zwischen den hundertstöckigen Türmen der Zukunft.

 

Eine Suche

Wer liebt, lässt nichts unversucht. Für den Ich-Erzähler beginnt inmitten eines futuristischen Hochhauslabyrinths die Suche nach dem erstaunlichen Mädchen, das ihn verzaubert hat. Das gestaltet sich schwierig, denn niemand will sie gekannt haben. Es ist fast, als hätte er diese Begegnung nur geträumt. Aber er weiß, dass er sie getroffen hat, im Fahrstuhl des hundertzwanzigstöckigen Gebäudes, in dem die Schule untergebracht ist. Er erinnert sich an ihren Duft, ein Geruch nach warmer Erde. Und an ihren Namen, Céleste, die Himmlische, und daran, dass der Schulleiter ihnen die neue Schülerin ans Herz legt: »Nehmt sie gut auf!« Wo ist sie? Er gibt die Suche nicht auf und wird belohnt.

 

Ein Wiedersehen

Er findet sie schließlich in der 330. Etage des 330. Gläsernen Turms. Céleste ist krank. So krank, dass der Junge in seiner Verzweiflung seine Mutter um Hilfe bittet, die eine wichtige Position bei Industry, dem weltweit größten Industrieunternehmen hat, und nur wenig Interesse an ihrem Sohn zeigt. Céleste wird in das Krankenhaus von Industry gebracht und als der Junge schon vorsichtig aufatmen will, verschwindet sie ein zweites Mal spurlos. Es scheint etwas Merkwürdiges mit Célestes Krankheit auf sich zu haben, das nicht nur mit Industry zu tun hat.

 

Eine Mahnung

Wer den zweibändigen Bestseller Tobie Lolness im Kopf hat und in diesem schmalen Bändchen auf Ähnliches wartet, tut dies vergebens. Wobei bei genauerem Hinsehen der ökologische Aspekt in dem Baum-Abenteuer durchaus zentral war.  Nun aber schreibt Timothée de Fombelle einen Appell für die Rettung der Erde, den der französische Titel Céleste, ma planète weitaus deutlicher zum Ausdruck bringt. Er lässt seinen Ich-Erzähler in ein kleines durchnässtes Heft in äußerster Eile diese unglaubliche Geschichte erzählen.  Gehetzt, verfolgt, von Angst getrieben sind es nur skizzenhafte Eindrücke, die sich doch zu einem Bild zusammenfügen. Der Vorwurf, es handle sich dabei um Kitsch, lässt sich nicht ganz von der Hand weisen. Wer sich auf diese poetische und fesselnde Liebesgeschichte aber wie auf ein Märchen einlässt, verzeiht dem Autor vielleicht die manchmal etwas platten Vereinfachungen und Klischees und lässt sich auf den leisen Zauber der Geschichte ein.

 

Julie Ricossé hat die Zeichnungen dazu gestaltet: fremd und bedrohlich, eindringlich und zärtlich. In ihnen spiegelt sich die Geschichte wieder, die Angst, die Hoffnung und die Liebe. Eine düstere Endzeitungstimmung liegt über der Suche nach Céleste und doch gibt es einen Silberstreifen am Horizont: Vielleicht kann noch alles gut werden. Die Zukunft beginnt jetzt – und vielleicht ist der Jahreswechsel Anlass, nicht nur über persönliche Wünsche, Träume und Perspektiven nachzudenken sondern auch unseren Planeten Erde und die Verantwortung, die wir für ihn haben, nicht ganz aus den Augen zu verlieren.

 

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