Weggesperrt
Vergessen Sie alles, was Sie jemals über Irrenhäuser des 19. Jahrhunderts gehört haben, es war schlimmer, viel schlimmer. Jane Eagland nimmt ihre Leser mit in die Hölle auf Erden, einen Ort, an dem das Individuum ausgelöscht und einfach weggesperrt wird. Das alles beginnt reibungslos zu funktionieren, sobald ein männliches Mitglied einer Familie die Einweisung unterschreibt und auch nur er kann diese widerrufen. Frauen sind auf Gedeih und Verderb dem Willen ihrer Väter oder Ehemänner, ja sogar der nächsten männlichen Verwandten unterworfen. So konnten unangepasste Frauen auf elegante Weise aus der Öffentlichkeit entfernt werden. Waren sie bis dato geistig gesund, spätestens hier hatten sie gute Chancen, an ihrem Leben irre zu werden. Hinzu kam der reichliche Gebrauch sedierender Medikamente.
An einem solchen Ort landet Louise zu Beginn der Handlung und erst allmählich, in einzelnen Rückblenden, beginnt der Leser zu ahnen, was zu dieser menschlichen Katastrophe geführt hat. Denn das Mädchen entspricht den Anforderungen der Gesellschaft an eine junge Dame in kaum einem Punkt. Konversationen bei nachmittäglichen Besuchen findet sie langweilig, sie vertieft sich lieber in die medizinische Bibliothek ihres Vaters. Und heiraten will sie schon gar nicht, doch das hat noch einen anderen Grund als ihren außergewöhnlichen Berufswunsch. Ganz allmählich beginnt ihr zu dämmern, dass sie sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt, was gänzlich undenkbar ist.
Eaglands packendes und zugleich sehr anrührendes historisches Jugendbuch führt jungen Mädchen auf dramatische und zuweilen drastische Weise vor Augen, wie fremdbestimmt Frauen vor gar nicht allzu langer Zeit waren. Sie vertieft die Absurdität dieser Tatsache dadurch, dass sie die Geschichte aus Louises persönlicher Perspektive erzählt, man durchlebt ihr allmähliches Begreifen, ihre Rückerinnerungen, ihre tiefe Verzweiflung, aber auch ihren Mut, sich gegen scheinbar Unvermeidliches aufzulehnen und nach vorne zu blicken. Und ist am Ende als weiblicher Leser froh, dass diese Zeiten hinter uns liegen. Nur die Übersetzung des Titels – im Original Wildthorne, so heißt die Anstalt – gibt Anlass zur Kritik, denn von einer romantischen Geschichte ist dieses Buch meilenweit entfernt.
