Mats Wahl: Du musst die Wahrheit sagen
28.02.2011
Eine Schlange im Paradies
Manchmal ist es schwer festzustellen, was überhaupt die Wahrheit ist. Vielleicht wäre es ein erster Schritt, überhaupt einmal zu reden. „Du musst die Wahrheit sagen“ klingt dramatisch – und genau so meint es Mats Wahl in seinem neuesten Roman, der ANDREA WANNER fesselte.
In einem neuen Ort kann eine neue Chance liegen, ein Umzug der erste Schritt in eine andere Richtung sein. Tom würde es gern glauben, aber es liegen schon zu viele Neuanfänge hinter ihm. Seine Mutter hält es nie lange in einer Beziehung und nie lange an einem Ort aus. Ihre drei Kinder stammen von verschiedenen Vätern und die vier Personen, die nun gemeinsam in das großmütterliche Haus, das die Mutter nach deren Tod geerbt hat, ziehen, sind sich merkwürdig fremd. Jeder lebt sein eigenes Leben, geprägt von Desinteresse an den übrigen Familienmitgliedern.
Ankunft
Es ist ein trügerisches Paradies am See mit Apfelbäumen, die schon Früchte tragen, und Erlen. Es scheint alles genau so zu werden wie es immer war. Annie, Toms Schwester, geht am optimistischsten mit den Veränderungen um und findet schnell Anschluss. Morgan, Toms älterer Halbbruder, ist ein brutaler Fiesling, der seine körperliche Überlegenheit durch permanente Attacken unter Beweis stellt und selbst vor gefährlichen Übeltaten nicht zurückschreckt, wenn er damit dem cleveren Jüngeren eins auswischen kann. Verbal stehen sich die beiden in nichts nach, ihre gegenseitigen Beschimpfungen und Verwünschungen sind hart an der Grenze des Erträglichen, überschreiten diese sogar. Die Mutter hat es längst aufgeben zwischen den beiden zu vermitteln, ihre Beschwichtigungsversuchen wirken halbherzig und müde. Sie ist auf der Suche nach dem eigenen Glück, das sie erneut an der Seite eines attraktiven Mannes zu finden hofft. Der taucht in Gestalt des Polizisten Dick auch schnell auf der Bildfläche auf. Die Figuren sind aufgestellt, das Drama kann beginnen.
Abschied
„Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, hoffnungsvolle Geschichten zu schreiben. Ich sehe es als meine Aufgabe, gute Geschichten zu schreiben. Und das ist nicht dasselbe.“ wird Mats Wahl im Klappentext zitiert. Die Hoffnungslosigkeit, die man angesichts dieser Familie empfindet, in der die Diskussion über Farbe und Stoffqualität des neuen Sofas mehr Raum einnimmt als ein Gespräch über das, was die einzelnen beschäftigt, ist bedrückend. Und dennoch schafft es Mats Wahl mit leichter Feder immer neue Aspekte zutage zu fördern, Möglichkeiten aufblitzen zu lassen, die wieder verschwinden. Die wirklich wichtigen Dinge in Toms Leben werden oft nur mit einem Satz abgehandelt. Das ist seine Art, damit umzugehen. Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wird weit mehr entdecken und wird vielleicht sogar das Buch am Ende mit dem Gefühl aus der Hand legen, dass Tom nicht auf dem allerschlechtesten Weg ist. Es bleibt ein vages Gefühl, eben doch ein Hoffen – das uns auch Mats Wahl nicht nimmt, weil er weiß, wie ein wirklich gutes Buch aufhören muss.

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