A.S. King: Please don´t hate me
18.04.2011
Von Todessehnsüchten und Unsterblichkeitsfantasien
Jugendliteratur thematisiert das Thema Tod in vielen Facetten, von ganz realistischen Einzelschicksalen über Kriminalromane bis hin zu den seit Jahren beliebten Vampir-Romanen, die die Naturgesetze von der Endlichkeit des menschlichen Lebens aufheben. Was fasziniert jugendliche Leser daran? Von BEATE MAINKA
Ist es der Traum von der Unsterblichkeit, der insbesondere junge Mädchen scharenweise in die Buchhandlungen und Kinos treibt, wann immer die Superstars des Blutsauger-Genres von sich reden machen? Der Mythos Vampir wurde durch die Biss-Romane und ihre Nachahmer um eine neue Sichtweise erweitert; der Vampir ist nun der Gute, der seine Triebe im Griff hat und darüber entscheidet, wer sterben oder ewig leben darf. Vampirismus als erstrebenswertes, sozusagen ewiges Lebensmodell? Zumindest Stephenie Meyer predigt einer ganzen Generation pubertierender Leserinnen das Hohelied von der alles überwindenden Liebe und der Beherrschung der Triebe und löste damit einen Hype aus, der 50 Jahre sexuelle Revolution einfach wegwischt. Jungfräulichkeit bis zur Ehe ist wieder angesagt, bei einem so schönen Hauptgewinn wie Edward lohnt sich doch das Warten, oder? Das ewige Leben inklusive! Von daher können wir dieses Genre beruhigt in die Schublade Mythen und Fantasy ablegen, eine realistische Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit des Menschen ist nicht beabsichtigt.
Der reale Albtraum
Mord als schöne Kunst betrachtet, das ist eine der Absichten von Kriminalromanen, die in den letzten Jahren vermehrt Zugang in die Jugendliteratur gefunden haben. War es vor 20 Jahren noch fast undenkbar, dass in einer Erzählung für junge Leute gemordet wurde, nimmt der Krimibereich heute breiten Raum in den Regalen der Jugendbuchabteilungen ein. Monika Feth mit ihren Jette-Romanen (Der Erdbeerpflücker) war eine der Vorreiterinnen dieses Genres, das in der Regel von Mädchen bevorzugt wird. Krimis in realistischem sozialem Spannungsfeld spiegeln durchaus die Lebenswirklichkeit heutiger Jugendlicher wider. Tod durch gewaltsame Fremdeinwirkung gehört zum Medienalltag Jugendlicher und wird von den Verlagen eifrig bedient.
Genaues Hinschauen lohnt
Doch es gibt auch anderes abseits der ausgetretenen Pfade, Einzeltitel, die thematisch und literarisch aus der Masse hervorstechen und Jugendliche herausfordern, sich mit diesem für sie letztlich abstrakten Thema auseinanderzusetzen. Vor zwei Wochen stand an dieser Stelle die Besprechung des außergewöhnlichen Debütromans einer jungen Amerikanerin mit dem langen Titel Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie. Please don’t hate me von A.S. King findet einen anderen Ansatzpunkt, hier ist es Vera, eine unscheinbare 18jährige Schülerin kurz vor dem Highschool-Abschluss, die den Tod ihres seit Kindertagen allerbesten Freundes verkraften muss. Erschwerend kommt hinzu, dass sie Charlie, obwohl zuletzt in ihn verliebt, abgrundtief hasst – über den Tod hinaus. Denn er hat sie in den letzten Monaten vor seinem Ende verraten, verleugnet, enttäuscht. Und doch gibt es Hoffnung, denn Charlie hat ihr etwas hinterlassen, das ihr offenbaren wird, warum ihr Freund so handeln musste. King erzählt diese zunehmend fesselnde Geschichte vielschichtig, zum einen mit ständig wechselnden Erzählperspektiven, zum anderen auf mehreren Zeitebenen. Wie bei einem Puzzle offenbart sich dem Leser zunehmend das ganze reale Bild eines Jungen, der knietief im Dreck stand und dennoch auf Verzeihung hoffte, bis zum Schluss. Eine persönliche Katastrophe als Reifungsprozess, King hat mit ihrem Roman ein Lehrstück zum Thema verfasst.
Sterben in früheren Zeiten
Eine ganz außergewöhnliche, zudem historisch belegte Geschichte bietet die britische Autorin Mary Hooper ihren Lesern und dokumentiert damit eindrucksvoll, wie allgegenwärtig der Tod auch junger Menschen in früheren Zeiten war. 1650 warten in einer Apotheke in Oxford einige Mediziner auf den Leichnam eines durch den Strang hingerichteten Mädchens, um ihn zu sezieren. Anne Green, gerade einmal 17jähriges Dienstmädchen, wurde wegen Kindstötung zum Tode verurteilt. Ihr Verderben war, dass sie sich auf den Enkel ihres Dienstherren einließ, der sie, als sie schwanger wurde, fallen ließ und nun elegant beiseiteschaffte. Doch etwas geht schief bei der Hinrichtung, Anne erwacht aus einem Koma und wird als medizinisches Wunder gefeiert. Welch großes Glück die junge Frau hatte, manifestiert sich darin, dass ihr Fall sorgfältig dokumentiert wurde und so ein eindrucksvolles historisches Beispiel dafür liefert, wie bedroht das Leben junger unterprivilegierter Frauen durch ungewollte Schwangerschaften war, von ihren ungewollten Kindern ganz zu schweigen.
Trostbüchlein für Überängstliche
Haben Sie Angst, beim Telefonieren mit dem Handy vom Blitz getroffen zu werden? Kriegen Sie weiche Knie beim Gang übers Moor? Würden Sie niemals aus Furcht vor Piranhas im Amazonas baden? Und meiden Sie Pilzgericht wegen der hohen Vergiftungsgefahr? Ja, unser Alltag ist tückisch, viele Gefahren lauern, »tausend Tode« bedrohen uns. Wirklich? Im gleichnamigen Buch mit dem schönen Untertitel Sterben will gelernt sein erfahren wir endlich die beruhigende Wahrheit über Alltagsmythen, die uns unvermutet vom Leben zum Tode befördern würden. Also, im Moor etwa kann man nicht bis zur Nasenspitze einsinken, tiefer als einen Meter sind die nämlich in der Regel nicht, und auch im Treibsand ist spätestens beim Bauchnabel Schluss, von unten wohlgemerkt. Bei Piranhas stehen wir Menschen nicht auf der Speisekarte und an Fliegenpilzen stirbt es sich auch nicht so leicht. Das in ihnen enthaltene Halluzinogen allerdings kann einen wahren Horrortrip auslösen. In 43 Kapiteln entzaubert die Journalistin Lena Ullrich Mythos um Mythos und wird dabei künstlerisch vom begabten Graphic Novel-Zeichner Giovanni Rigano unterstützt. Das Ergebnis dieser Liaison ist ein augenzwinkerndes, rotzfreches, respektloses und sehr komisches Buch, in dem man über Gevatter Tod endlich einmal schmunzeln kann, denn offensichtlich ist er nicht gar so grausam wie vermutet.
Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, lautet ein mittelalterlicher Satz. War das Sterben damals alltägliche bittere Realität, hat es sich heute zu etwas Abstraktem entwickelt, ist gefiltert durch Medien, findet auf den Fernsehschirmen oder zwischen zwei Buchdeckeln statt und streift nur manchmal, höchst unwillkommen, unseren Alltag. Warum eigentlich? Vorm Sterben kann sich sowieso niemand drücken.
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