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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 04:21

Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen

25.04.2011

Von Horror und Heiterkeit

Das emotionale Spektrum von Schönheit und Schrecken klafft kaum irgendwo stärker auseinander als im Märchen - es sei denn in der Märchenverfilmung. Rapunzel und Red Riding Hood markieren in Sachen Zielpublikum und Inszenierung die Extreme des Genres der Märchenadaption. Was Küss den Frosch, Beastly und zum Jahresende wohl auch Puss in Boots eint, ist die enorme Distanz zur Vorlage. Die ursprüngliche Fassung der Märchen, sei es die der Brüder Grimm, Charles Perraults oder der zahlreichen Autoren von Kunstmärchen, verblasst im kollektiven Gedächtnis immer mehr gegenüber den modernen Variationen. Für LIDA BACH ein Grund mehr die Originale neu zu entdecken.

 

Shrek war nur der Anfang. Ein Ende ist nicht absehbar. Nie, scheint es, erfreuten sich Märchenverfilmungen, -verformungen und -veralberungen größerer Beliebtheit als heute. Ob der böse Wolf ein kumpelhafter Transvestit ist, der gern mit Pinocchio und drei blinden weißen Mäusen rumhängt, oder ein bemüht verführerisch blickender Teenager-Schwarm spielt keine Rolle, solange er nur nicht im alten grauen Pelz auftritt. Je ausgefallener die Variation einer Geschichte, desto wahrscheinlicher der Erfolg. Den Wiedergängern von holden Königstöchtern, bösen Stiefmüttern und Traumprinzen wird man noch oft auf Leinwand, Bühne und im Comic begegnen. Die Urformen indes verharren zunehmend im Verborgenen. Alle zusammen, die unbekannten und die altvertrauten, versammelt im Taschenformat die Reclam-Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm.

 

Altbekanntes?

Wir kennen sie nicht. Wir glauben nur, dass wir sie kennen. Hunderte sind es an der Zahl und so oft meint man sie gehört zu haben. Die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm sind längst mit der Alltagskultur verschmolzen. Was als Allgegenwärtigkeit der Märchengestalten erscheint, bezeichnet dabei tatsächlich deren Abwesenheit. Auf Verpackungen, Plakaten und in Redensarten scheinen ihre Protagonisten zu wandeln. In Wahrheit aber huschen dort nur Schatten der authentischen grimmschen Figuren.

 

In dem Pfefferkuchenhäuschen, das mit den Kindern nun aus Lebkuchen und Zuckerglasur gebastelt wird, hat nie eine Hexe gehaust, obwohl oft die Weingummi- und Zuckerfiguren schwarzer Katzen oder des verirrten Geschwisterpaares auf das Kindermärchen verweisen. Aus »Brot, Kuchen und Zucker« ist das Hexenhaus bei den Gebrüdern Grimm. »Knupper, knupper kneischen, wer knuppert an meinem Häuschen?«, fragt die Alte tatsächlich. Oft ist solch eine Alte im Märchen gar nicht die »böse Hexe«, als die sie heute betitelt wird, sondern eine unheimliche und vage tragische Figur, eine »Frau Gotel« aus Rapunzel oder »Erzzauberin« wie in Jorinde und Joringel.

 

»Mein Vöglein mit dem Ringlein rot singt Leide, Leide, Leide: es singt dem Täublein seinen Tod ...«

 

Kurios, elegisch oder gespenstisch zählen die Verse und Zaubersprüche zu den wundervollsten Charakteristika der Grimms Märchen, die detailgetreu im Reclam Band Grimms Märchen zu finden sind. Zicklein meck. Tischlein deck. »So wird ein sauber gedecktes Tischlein vor dir stehen ...« Die garstige Ziege aber, die ist keine. Denn das Märchen, dem das Zaubersprüchlein entstammt, ist nicht »Tischchen deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack«, wie der oft verkürzt wiedergegebene Titel der Erzählung vom Schneidermeister und seinen drei Söhnen heißt. Details, werden vertauscht, verändert, vergessen, bis die Erzählung selbst verschwindet. Zurück bleiben nur ein Glassarg, ein gläserner Schuh, ein von Dornen umranktes Schloss. Darin schlummert die Schöne gleich dem Märchenschatz im kollektiven Gedächtnis.

 

Wach küssen lässt er sich mit der handlichen Reclam Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen. Der Märchenforscher und Philologe Heinz Rölleke versammelt das Gesamtwerk der von den Gebrüdern Grimm veröffentlichten Märchen zusammen mit ihrer Vorrede und Literaturhinweisen. Ungekürzt und mit Anmerkungen und Kommentaren versehen verlockt das Standardwerk zum Schmökern, Vor- und Selberlesen. Reizt die durch den Kinobesuch angestachelte Neugier besonders zum Wiederentdecken der Kinder- und Hausmärchen, erlaubt der schlichte Band, sie immer wieder aufs Neue zu entdecken.

 

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