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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 04:23

Sarah Ockler: Die Sterne leuchten immer noch

06.06.2011

Sommer der Veränderung

Zugegeben, das Cover und der Titel lassen den üblichen flachen Teenie-Kitsch vermuten, doch das Bild täuscht. Im Buch findet sich eine berührende, einfühlsame Adoleszenzgeschichte von einer, die Schlimmes verkraften muss und daran reift. BEATE MAINKA war positiv überrascht.

 

Alles haben die Nachbarskinder zu dritt unternommen, Anna, Frankie und deren großer Bruder Matt. Dann, an Annas 15. Geburtstag, küsst Matt sie, lang ersehnt, zum ersten Mal und alles ändert sich. Die beiden halten ihre Liebe vor Frankie zunächst geheim, dann, vier Wochen später, geschieht das Unfassbare, Matt stirbt unerwartet. Betäubt, voll Trauer, teilweise auf der Überholspur des Lebens überstehen die beiden Freundinnen das erste Jahr ohne Matt. Frankies Familie beschließt, auch dieses Jahr den Sommer im alten Ferienhaus in Kalifornien zu verbringen, in dem die heile Familie immer so glücklich war. Und Anna darf mit. Voller Pläne, insbesondere was die Kontaktaufnahme zum männlichen Geschlecht angeht (der – viel stimmigere – Originaltitel lautet »Twenty Boy Summer«), brechen die beiden auf in einen Sommer, der tiefgreifende Veränderungen mit sich bringen wird. Nicht nur Sonne, Strand und Flirten stehen auf dem Programm, sondern auch Loslassen, Streit, Versöhnung und für eine der beiden »das erste Mal«. 

 

Erwachsenwerden in drei Wochen

Eigentlich ist es ein Buch über das Umgehen mit Trauer, denn bis in die Nebenfiguren arbeitet Ockler fein und plausibel heraus, wie die Hinterbliebenen den Verlust verarbeiten, jeder auf seine spezielle Art und Weise. Aber es ist auch ein Buch über das Erwachsenwerden, die Wege dahin, die Frankie und Anna ganz unterschiedlich gehen werden und dabei dennoch die andere achten und lieben, bis zum dramatischen Wendepunkt, der sie fast ihre Freundschaft kostet. Das hat mit dem ungeheuren Druck zu tun, unter dem beide stehen. Und es ist eine zweifache Liebesgeschichte, über das Vergangene und das Zukünftige, das schon bald ebenfalls Vergangenheit sein wird, eine Urlaubsliebesgeschichte halt.

 

Ockler lässt Anna selber erzählen, chronologisch, aber immer wieder mit eingeschobenen Erinnerungsfetzen, in denen sie neben ihrer Rolle als Freundin ihre eigenen Gedanken und Gefühle preisgibt. Genau darin liegt der Kunstgriff dieser Geschichte, einerseits kann man sie als Teenagerschmonzette voller Dramatik lesen, Annas Selbstreflexionen hingegen verleihen ihr Tiefgang, geben Stoff zum Nachdenken, berühren. Gerade das Ungeordnete ihrer Gedankenwelt, ihre Zweifel, ihr Festhalten an der vergangenen Liebe, die sie zunächst daran hindert, sich auf eine neue einzulassen, all dies macht die Erzählung so glaubwürdig, ist so jenseits allen falschen Pathos und Kitsch. Hier agieren sorgfältig gezeichnete Persönlichkeiten, voller Fehler, Macken, Charakterschwächen, aber auch voller Stärke, Mut und Zuversicht. Das pralle Leben halt, mit allen Höhen und Tiefen! Die beiden Mädchen erleben in diesem Sommer einen Reifungsprozess im Schnelldurchlauf, am Ende hat sich alles verändert, doch nicht zum Schlechteren. Die Zukunft liegt vor ihnen, die Vergangenheit hat ihre Schrecken verloren. 

 

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