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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 04:24

Carolyn Mackler: Viermal Paradies und zurück

20.06.2011

Facetten der Liebe

Jena möchte sie romantisch, Skye beschützend, Dakota will über sie herrschen und Owen sich am liebsten heraushalten. Die Liebe aber lässt sich weder hineinreden noch gar in die Karten schauen und schleudert die vier gnadenlos in tiefste Abgründe und auf höchste Höhen, natürlich dann, wenn sie am wenigsten damit rechnen. Die Leserinnen und Leser reißt Carolyn Mackler in Viermal Paradies und zurück ebenso mit. Von MAGALI HEISSLER

 

Jena verbringt viel Zeit mit ihrem Alles-Buch. Darin sammelt sie alles, was mit romantischer Liebe zu tun hat oder ‚einfach schön’ ist. Zitate von Einstein, z.B. oder Nicholas Sparks, den sie für noch genialer hält als Einstein. Klatsch über Prominente aus dem Internet fischen ist auch wunderbar, vor allem, wenn es um Liebe geht. Und Sex. Aber der muss romantisch sein. Als Jenas Mutter sie mit in die Karibik nimmt, zu einem Kurzurlaub mit ihrer ehemaligen Studienfreundin, ist Jena allerdings nicht begeistert. Die Studienfreundin hat nämlich eine Tochter, Skye, der Jena lieber aus dem Weg geht. Skye und Jena trennen Welten. Skye ist reich und schön und einfach perfekt. Sie arbeitet an ihrer künftigen Karriere als Filmstar, im Fernsehen ist sie schon aufgetreten. In Skyes Gegenwart fühlt sich Jena wie ein Trampel vom Land.

 

Die karibische Ferienkolonie, Paradise, aber lässt sich gut an. Jena trifft Dakota – und ist hingerissen. Ihr romantischster Traum scheint sich zu erfüllen. Die erschreckende anonyme Selbstmordankündigung, die sie am Rand des Schwimmbeckens findet, gerät angesichts dieses Liebestraums in den Hintergrund. Doch Jenas Seifenblase platzt. Dakota hat eigene Probleme und sie machen ihn zu einem sehr zornigen jungen Mann. Den erzwungenen Ferienaufenthalt in der Karibik mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder würde er am liebsten vergessen. Er hat seiner Mutter nie verzeihen, dass sie sich von seinem Vater getrennt hat, und sein jüngerer Bruder Owen kann nur ein Loser sein. Er ist unsportlich und hängt den ganzen Tag vor seinem Laptop.

 

Owen stimmt ihm insgeheim zu. Trotzdem hält er wenig von Dakota mit seiner ewigen Angeberei von sportlichen Leistungen und Eroberungen von Mädchen. Mädchen geht Owen aus dem Weg, er füttert lieber seinen Blog. Als aber Miz J in seinem Blog auftaucht, sieht die Sache plötzlich anders aus.

 

Verstrickungen

Mackler hat eine ungewöhnliche Form gewählt, ihre Geschichte zu erzählen. Vier Stimmen sind nacheinander zu hören, die sechzehnjährige Jena, der achtzehnjährige Dakota, die siebzehnjährige Skye und der sechzehnjährige Owen. Der Karibikurlaub ist nur der Moment, an dem sich alle begegnen, flüchtig, nebenbei, in Jenas Fall in einer von Anfang an falschen Beziehung. Ihre Geschichten, die am Ende zu einer einzigen Geschichte werden, beginnen hier, ihren Fortgang nehmen sie anderswo, nach dem Urlaub, im Leben der jeweiligen Figuren.

 

Mackler mutet ihren Figuren viel zu. Sie haben Gemeinsamkeiten, im Negativen wie im Positiven. Alle vier unterschätzen sich, haben ein geringes Selbstvertrauen, kämpfen mit den für Teenager typischen Schwankungen zwischen Kindsein und Erwachsensein wollen. Sie suchen die ideale Liebe, was sie finden, ist aber alles andere als das. Sie stellen fest, dass Liebe nicht nur romantisch ist, nicht nur Sex, nicht nur warme Milch und Kuscheltiere. Ihr Entsetzen ist groß, als sie entdecken, dass Liebe mit Bindung, mit Verantwortung füreinander und vor allem damit zu tun hat, dass man Entscheidungen treffen muss, die auch verletzen und möglicherweise irreversibel sind. Zugleich ist Liebe die große Chance zur Veränderung. Nicht nur Teenager können an diesem Widerspruch verzweifeln.

 

Einsamkeit und Glücksuche

Die vier Teenager sind in ihrem Glück wie in ihrem Unglück überzeugend lebendige Gestalten. Was sich auf den ersten Seiten – Jenas Bericht – zunächst liest, wie ein etwas behäbiger durchschnittlicher Teenager-Kitsch-Roman entwickelt doch bald Tiefe. Schnell wird deutlich, dass es keineswegs um schlichte Paarbildung geht. Die Autorin lässt ihre Figuren Liebe in vielen unterschiedlichen Formen finden, nicht nur bei sich, sondern auch bei anderen. Nicht jede Art der Liebe ist für jede und jeden geeignet. Was für die einen Zuneigung ist, kann für andere Ausschluss bedeuten. Gerade die Verhaltensweisen der Erwachsenen in diesem Buch wirken erstaunlich lieb – und rücksichtslos, obwohl die Erwachsenen fest davon überzeugt sind, für ihre Kinder das Beste zu tun. Es zeigt sich streckenweise ein seltsames und recht beunruhigendes Bild von der Einsamkeit, in die Heranwachsende geraten, wenn sie eigene Wege suchen. Diese jungen Leute leiden auf ihrem Weg und erkennen, dass Leid zum Leben und zur Liebe dazugehört. Ihre Entscheidungen sind überraschend und beeindruckend mutig. Die vier unterschiedlichen Geschichten von vier jungen Leuten, die ein Zufall kurzzeitig an einem Urlaubsort zusammengeführt hat, verbinden sich am Ende zu einem großen Ganzen. Die vier sind verbunden geblieben, in unterschiedlichster Weise, und das infolge eigenen Handelns. Liebe ist so vielfältig, aber eines ist sicher, eigene Entscheidungen und selbständiges Handeln gehören dazu, auch mit dem Wissen, dass man Fehler machen kann.

 

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