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Richard Harland: Worldshaker & Liberator

27.06.2011

Steampunk is coming!

Wer sich mit fantastischer Literatur auseinandersetzt und ein bisschen abseits der Vampir-, Werwolf- und Urban Fantasy-Pfade wandelt, kann in letzter Zeit eine aufregend neue Strömung entdecken – den Steampunk. Richard Harland, britischer Fantasyautor, zählt mit zwei außergewöhnlichen Jugendromanen zu dessen lesenswerten Vertretern. Von BEATE MAINKA

 

Was ist Steampunk? Stellen Sie sich vor, Jules Verne oder H.G. Wells würden mit dem technischen Wissen von heute ihre fantastischen Romane im viktorianischen Zeitalter des 19. Jahrhunderts ansiedeln. Und sie würden kräftig die Geschichtsschreibung so manipulieren, als wäre die Zeit irgendwann falsch abgebogen. Gesellschaftliche Konventionen, Machtstrukturen, Kultur, Mode sind viktorianisch geprägt, aber die Technik treibt äußerst seltsame Blüten.

 

Steam = Dampf – alles ist dampfgetrieben, irgendwie, das Äußere mutet an wie mit dem Niethammer in Form gebracht. Da gibt es inzwischen für eingefleischte Fans – und die tummeln sich vorwiegend im Netz – sogar Computer im Steampunk-Look, alles wie aus Stahl und Nieten gefertigt. Der Comic setzt diese Strömung schon seit einiger Zeit bildlich genial um, auch der Film bietet sich als Spielwiese, der in Deutschland bekannteste dürfte Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen mit Sean Connery in der Hauptrolle sein, in dem sich alles tummelt, was das viktorianische Zeitalter an literarischen Helden hervorgebracht hat. Nun schwappt die Welle aus den USA und insbesondere Großbritannien zu uns herüber und verspricht auch deutschen Jugendlichen und Erwachsenen intelligente und actionreiche Leseabenteuer – wie eben die beiden Romane von Richard Harland Worldshaker und Liberator.

 

Victoria und Albert IV.

Sie vertreten 1995 die Oberschicht auf dem britischen Juggernaut »Worldshaker«, einer Mischung aus gigantischem Schiff und Dampfwalze, der sich mit seiner aristokratischen Oberschicht und deren zahlreichen Bediensteten über Meere und Kontinente bewegt, immer auf der Suche nach neuen Rohstoffen. Die Gesellschaft an Bord ist hübsch ordentlich in oben und unten unterteilt, oben lebt die privilegierte herrschende Klasse, zu der auch der 16jährige Colbert Porpentine gehört, der als Enkel des Oberbefehlshabers einer glänzenden Karriere entgegensieht und anfangs höchst naiv daherkommt.

 

Das ändert sich, als Riff in sein Leben tritt, eine Dreckige, die mit hunderten Schicksalsgenossen wie Sklaven auf den unteren Decks die Drecksarbeit verrichtet und unter lebensgefährlichen Bedingungen den Worldshaker unter Dampf hält. Es riecht nach Revolution, Colbert muss erkennen, dass seine Kenntnisse über die Dreckigen in keinster Weise der Realität entsprechen und Riff ihm in vielen Belangen weit überlegen ist, übrigens auch in der Liebe. Das privilegierte Bürschchen muss sich entscheiden, ob es weiter einer Klasse dienen will, die ihre Privilegien auf dem Rücken zahlreicher Unglücklicher auslebt oder ob er sich in das größte Abenteuer seines jungen Lebens stürzt und die Revolution unterstützt.

 

Die Revolution frisst ihre Kinder

Inzwischen heißt der Worldshaker »Liberator«, denn die Dreckigen haben tatsächlich die Herrschaft übernommen, um nun ihrerseits die wenigen verbliebenen Upper Class-Passagiere – allen voran Colbert und seine Familie sowie die Majestäten – zu knechten. Und neues Unheil droht, an Bord werden Sabotageakte verübt, die man den alten Herren in die Schuhe schieben will, was das junge Glück von Riff und Col erheblich belastet. Zudem zwingt zunehmende Rohstoffknappheit den Juggernaut, eine Kohlestation anzufahren. Hier wartet eine böse Überraschung auf die Revolutionäre, denn die Weltenschiffe der anderen Staaten wollen sie in die Knie zwingen. Die Übermacht scheint unüberwindbar.

 

Das Bestechende an Harlands Geschichte sind die Beschreibungen der Lebensgewohnheiten an Bord und die Reaktion der Privilegierten auf deren Zusammenbruch. Der Auslöser für deren mitunter absurde Auswüchse bleibt weitestgehend im Dunkeln, wird nur am Rande erwähnt. Das macht aber nichts, denn Harland findet die perfekte Mischung aus harscher Gesellschaftskritik und actionreichem Nervenkitzel. Und stellt mitten hinein einen Helden, der so ziemlich alles über Bord werfen muss, was er an Konventionen einst erlernte.

 

Schön schräg

Steampunk wird sicher nicht die Massen in dem Ausmaß begeistern wie etwa die Geschichten von blutsaugenden Gutmenschen oder die düsteren Zukunftsvisionen der Urban Fantasy, aber jeder auch nur halbwegs anglophil angehauchte Liebhaber schräger Geschichten und irrwitziger Ideen kommt hier voll auf seine Kosten. Man muss halt ein wenig suchen, auch bei kleineren Verlagen wie etwa Feder & Schwert, die ab diesem Frühjahr einen Programmschwerpunkt auf Steampunk-Titel gelegt haben. Es gibt immer wieder durchaus Neues abseits der ausgetretenen Fantasy-Pfade, die großen Verlage haben es nur noch nicht so richtig gemerkt, bis auf cbj, der mit Scott Westerfelds aktueller Trilogie in die gleiche Richtung zielt. Der Fantasie gerade anglo-amerikanischer Autoren sind keine Grenzen gesetzt, zum Glück für uns Leser! 

  

 

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