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Marie-Aude Murail: So oder so ist das Leben

04.07.2011

Auf der Suche nach Alternativen

»Was habe ich dem lieben Gott nur getan, dass er mir eine an Sofa klebende Schnecke, einen Modejunkie und eine virtuelle Schweinehirtin anhängt«, fragt der gestresste Arzt Dr. Baudoin seine Frau. Er spricht von seinen drei Kindern, Violaine, Paul-Louis, und Mirabelle. Dass das keine Geschichte für ein französisches Familienidyll wird, ist klar. Aber noch ahnt Baudoin nicht, wie schlimm es wirklich werden ist. ANDREA WANNER begleitet die Familie durch ihre Krise.

 

Denn die wird es werden. Jenseits geknackter Passwörter bei irgendwelchen Internetspielen, Schulunlust und der wichtigen Frage nach dem richtigen Outfit bei der nächsten Party gibt es ein richtiges Problem: Violaine ist schwanger. Ein einziges Mal hatte genügt. Zu dem Jungen, der der Vater des Kindes ist, hat sie eigentlich schon keinen Kontakt mehr. Jetzt muss Violaine eine Entscheidung treffen. So oder so.

 

Hauptperson(en)

Eigentlich, so solle man meinen, ist eine 17jährige, die noch keinen Schulabschluss hat und ungewollt schwanger wird, ein ergiebiges Thema für ein Jugendbuch. In der Tat versucht Violaine, sich mit der Problematik auseinanderzusetzen. Ihren Eltern will sie sich nicht anvertrauen, Ratgeberin wird ihre beste Freundin. Was tun? Das Kind bekommen? Sich ein Leben mit der Verantwortung für so einen Winzling vorzustellen, übersteigt ihre Fantasie. Soll sie das Kind abtreiben? Für seine Tötung verantwortlich sein? Was muss man überhaupt in so einer Situation unternehmen? Violaines innerer Kampf, ihre Erfahrungen mit Ärztinnen, Ärzten und Beratungsbehörden berührt, regt auf, macht ratlos. Was ist der richtige Weg?

 

Und vor diese Entscheidung schiebt sich ein anderes Problem, drängt sich in den Vordergrund und lässt Violaines Geschichte fast verblassen. Es ist die Berufsmüdigkeit und Unzufriedenheit des Vaters, eines arroganten Zynikers, der in Patienten längst keine Menschen mit Schicksalen sieht – sondern die Möglichkeit, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld zu verdienen.  Um seinen eigenen Gewinn zu steigern, hat er sogar einen jungen Assistenzarzt in seiner Praxis aufgenommen, der all die zeitaufreibenden, nervtötenden Fälle zugeschoben bekommt, auf die Baudoin längst keine Lust mehr hat.

 

Vianney Chasseloup ist dieser junge, engagierte Kollege voller Enthusiasmus, dem dringenden Bedürfnis, die Welt zu retten und voller Bewunderung für seinen  Chef Baudoin. Ein bisschen unbeholfen und naiv, aber mit dem großen Bedürfnis zu helfen, ist er vom ersten Moment an der eigentliche Sympathieträger.

 

Chancen

Jeder Mensch hat Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten. Jeder muss selbst die Verantwortung dafür übernehmen und mit den eigenen Entscheidungen leben können. Murail zeigt an einer Handvoll Menschen, dass das ganz unterschiedlich gehandhabt werden kann. Und dass man die eigenen Ziele im Laufe des Lebens unter Umständen auch aus den Augen verlieren kann.

 

Die wundervolle Leichtigkeit, die warmherzige Klugheit, für die Marie-Aude Murail 2008 für ihren Jugendroman »Simpel« mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, sucht man hier vergebens. Denn eigentlich geht es doch nur unter anderem um Violaine und ihre Schwangerschaft. Davon abgesehen lässt Murail die unterschiedlichen Familienmitglieder  und Akteure in verschiedenen Situationen aufeinandertreffen, sich austauschen, diskutieren und bringt einen Stein ins Rollen. Am Ende wird sich alles verändert haben. Für alle. C’est la vie.

 

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