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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 04:34

Thomas Meinecke: Jungfrau

28.11.2011

jungfrau mit jazz-geschlecht

nicht beendete lektüre: Thomas Meineckes neues taschenbuch jungfrau.

von CRAUSS

 

zuerst das bekenntinis: ich habe Meineckes neues buch nach 58 seiten zugeklappt. immerhin: bei seinem 2001 erschienenen hellblau bin ich nur bis 42 gekommen, habe – parallel zu jungfrau – noch einmal hineingelesen und hatte auf seite 64 schon wieder die nase voll. wir wollen keine zahlenmystik betreiben, und: nicht, dass ich mich gelangweilt oder am stil des genderisten etwas auszusetzen hätte. ich glaube vielmehr, es liegt an mir.

 

ich freue mich auf jedes neue Meinecke-kompositum, komme aber nicht damit zurecht, dass der autor eine mehr oder weniger geradlinige story hat und gleichzeitig seinen text so gestaltet, als sei er eine misch-CD. man erkennt die tracks, man kann sie als einzelne stücke in beliebiger folge ansteuern, trotzdem gehen sie ineinander über. und zwar in beiden fällen: wenn man sie in reihe spielt ebenso (vielleicht noch mehr) wie wenn man sie zusammenstellt. kurz: ich versuche nach wie vor, Meineckes bücher wie bücher zu lesen, und das klappt nicht.

 

Thomas Meinecke
(c) W. Lückel / Suhrkamp Verlag Thomas Meinecke
(c) W. Lückel / Suhrkamp Verlag

Christoph Bartmann schreibt in der süddeutschen zeitung zurecht, jungfrau mache »einen popkulturellen arbeitsraum« auf, in dem man sich mit sinnlichem vergnügen und intellektuellem gewinn tummeln könne. und es ist müsig, nach dieser treffenden charakterisierung weiter zu faseln. ausser: dass in dem ‚tummeln‘ eben auch das scheitern einer lektüre inbegriffen sein kann, vielmehr: es kein scheitern gibt. ich kann nichts falsch machen und trage vergnügen und gewinn aus der sache, auch wenn ich sie nach 58 seiten ab- oder unterbreche. weiterlesen kann man immernoch in und an Meinecke, der mit seinen büchern ja eine art dub-version der Rainald Goetz’schen werke etabliert: im stil unaufgeregter, nein: lässiger; berauscht, aber nicht aufgeputscht. inhaltlich jedoch genauso politisch.

 

es geht in jungfrau wiederum um geschlechts- und geschlechterdinge, um rituelle kräfte (global gesehen) und religiöse gefühle bei politikern und nonnen. Lothar kriegt heisse wangen beim erforschen einer angeblichen liebelei zwischen einer spiritistin und ihrem theologen, hat sich aber selbst sexuelle enthaltsamkeit geschworen – bis er auf Mary Lou trifft, eine charismatische transe. »vertrackte story, dachte Jeannine Waterstradt.«

 

wer jungfrau tatsächlich wie einen roman lesen will, wird sich schubweise mit umständlichen zwischen-, ein- und nebengliederungen auseinandersetzen müssen und womöglich finden, dass das buch nervt wie jemand, der sich nicht traut, zuende zu flirten, bis man ihm endlich die klamotten vom leib reisst. nur, dass das bedeutet, eloquentes geplauder über sex und gender einige momente lang ruhen zu lassen, um endlich ‚in echt‘ zur sache zu kommen. der rhythmus der sprache ist jedenfalls das gegenteil von dem, was Elfriede Jelinek auf dem buchrücken behauptet: er ziehe, schreibt sie, »einen richtig voran, und man muss dieser sprache nachrennen, ob man will oder nicht.«

 

ich bleibe, während die frau mit dem geléehals sich abhechelt, lieber beim erfolgreichen scheitern mit meinem mal hier mal dorthinein lesen: unvergesslich gleich die eröffnenden worte im »lakritzschneckchenmix« von MEINECKE MUSIK: »am 25. august 1900 ist Friedrich Nietzsche gestorben. das buch hat mir wahnsinnig gut gefallen. der rhythmus zieht einen wirklich rein, es gibt nur wenige autoren, bei denen das so ist. Ludwig I., könig von bayern. Lola Montez.« weiter geht’s hier.

 

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