Hanns-Josef Ortheil: Liebesnähe
31.10.2011
Menschen im Hotel
Liebesnähe verspricht wieder einmal Hanns-Josef Ortheil in seinem neuesten Roman. Doch viele Arrangements und Inszenierungen wirken allzu bemüht und perfekt. Von INGEBORG JAISER
Stellen wir uns einen sonnigen Spätsommer vor (»ein Geruch von reifen Äpfeln, einem schwach flackernden Feuer und etwas Zimt«), dazu die reizvolle Landschaft des Voralpenlandes (mit »dunklen, dichten Nadelwäldern«) und zwischendrin ein schlossartiges Nobelhotel mit Bar, Restaurant, eigener Buchhandlung und Wellnessbereich.
Mitten unter der Woche treffen auf unterschiedlichem Wege zwei außergewöhnliche Menschen im Hotel ein, zwei Künstler, zwei emotional Verwundete, zwei Ausnahmeerscheinungen.
Schreibblockade und Aktionskunst
Das Bühnenbild ist aufgebaut, die Akteure sind benannt, das (Kammer-)Spiel kann beginnen. Da ist Johannes Kirchner, der genussfreudige, jedoch sensible Schriftsteller, der nach dem Tod seiner geliebten Mutter von einer Schreibblockade geplagt wird. Dort ist Jule Danner, die international tätige Aktionskünstlerin, die mit Videokamera und Aufnahmegerät von ihrem Münchner Atelier aufgebrochen ist, um im abgeschlossenen Mikrokosmos eines Hotels eine neue Performance aufzunehmen.
Geleitet und inspiriert wird sie vom legendären Kopfkissenbuch der japanischen Hofdame Sei Shonagon. Als Mittelsfrau und Vertraute zwischen beiden steht die ältere Buchhändlerin Katharina, die sich nach dem plötzlichen Herztod ihres Ehemannes Georg von der lärmenden Großstadt in die stille Abgeschiedenheit des Vorgebirges zurückgezogen hat.
The artist is present
»Wer ist diese Schwimmerin?«, notiert Johannes auf einer Seite seines Notizbuchs, beim Anblick einer attraktiven, durchtrainierten Frau, die im Hotelpool sehr konzentriert ihre Runden dreht. »The artist is present« ist die Nachricht einer SMS, die Jule dem großen Unbekannten zukommen lässt – ganz im Stile der Performancekünstlerin Marina Abramovic.
Damit beginnt ein eigenartiges Katz- und Mausspiel, das erst zum Ende des Romans in einen fulminanten Höhepunkt übergeht. Jule und Johannes umkreisen sich, lassen sich sinnliche Nachrichten und Botschaften zukommen, wechseln jedoch kein einziges Wort miteinander. Nichts könnte eine passendere Kulisse für ihre entrückten, traumwandlerischen Handlungen abgeben als das Paralleluniversum eines exklusiven Nobelhotels in der Nachsaison.
Sekt, Steinpilze und Stockfisch
Genuss ist eines der Hauptthemen dieses Romans. Es wird exquisit gegessen (Feldsalat mit Steinpilzen, Stockfisch mit gegrilltem Gemüse), viel getrunken (Sekt, Sekt und nochmals Sekt – sowie Ergenzinger Ochsenbräu) zwischendrin geschwommen und gelesen, spaziert und flaniert. Allzu bemüht und perfekt wird hier inszeniert, installiert, arrangiert. Manche beiläufigen Handgriffe geraten allerdings zu Nichtigkeiten in ihrer bloßen Aneinanderreihung: »Sie zieht ihre helle Jacke aus und geht kurz ins Bad, sie schaut in den Spiegel und kippt dann das Fenster, sie wäscht sich die Hände, geht zurück in den Schlafraum, sucht in ihrer Tasche nach einer Bürste und fährt sich damit mehrmals durchs Haar«.
Es ist kaum zu übersehen: nach über zwei Dutzend veröffentlichten Romane tritt ein gewisser Grad der Erschöpfung ein. Ortheil, der dieser Tage seinen 60.Geburtstag feiert, hat seine Standardthemen ausgereizt und zur Genüge durchdekliniert. Mit Liebesnähe komplettiert er seine Trilogie über die Geheimnisse der Liebe, über Verständigung und den Wunsch nach Nähe. Kenner seines Oeuvres werden auch unschwer Bezüge zu den Romanen Erfindung des Lebens und Die Moselreise erkennen, in denen der Schriftsteller seine eigene Sprachlosigkeit als stummes Kind thematisiert und die Bedeutsamkeit von schriftlichen Aufzeichnungen, Notizen, Protokollen beschwört. Trotz der Vertrautheit mit den Ortheil'schen Motiven, fragen wir uns sehnsüchtig: Wann können wir wieder auf Überraschungen hoffen?

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