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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 04:39

Dominique Manotti: Einschlägig bekannt

21.11.2011

»J´accuse ...«

Einschlägig bekannt – der neueste Krimi von Dominique Manotti. Von DIETMAR JACOBSEN 

 

In den Pariser Banlieus gehen Häuser, die von afrikanischen Immigranten bewohnt werden, in Flammen auf. Irgendwer will die Problemviertel ohne alle Rücksicht auf Kollateralschäden befrieden. Zudem stehen Wahlen bevor und die Kandidatur des derzeitigen Innenministers baut ganz auf desssen Strenge gegenüber den unbeliebten Immigranten. Also kehrt man, von der Yellow Press unterstützt, gleich mit dem ganz großen Besen. Und sorgt dafür, dass die Situation von Tag zu Tag explosiver wird.

 

Dominique Manotti heißt der Stern, der derzeit am Krimihimmel Europas am hellsten strahlt. Die Kritik ist sich einig: Mit der 1942 geborenen Französin, die erst mit 50 Jahren zum Schreiben kam und bis heute acht Romane veröffentlicht hat, ist eine neue Qualität in die Spannungsliteratur eingezogen. Denn die Pariser Wirtschaftshistorikerin und Ex-Gewerkschafterin versteht es wie niemand sonst, sperrige Themen durch raffinierte Plots, interessante Figuren und einen entlarvenden Einblick in gesellschaftlich-politische Hintergründe so spannend zu machen, dass sich ihr auch die Leser, welche in der Thrillerliteratur eher Entspannung suchen, nicht zu entziehen vermögen.

 

Nach Letzte Schicht  und Roter Glamour, die die Welt der Wirtschaft und jene der Politik gnadenlos durchleuchteten, hat der Hamburger Argument Verlag, dem das Verdienst zukommt, Manotti für die hiesigen Leser entdeckt zu haben, nun in seiner Ariadne-Krimireihe Einschlägig bekannt vorgelegt. Der Roman thematisiert die Unruhen in den Pariser Vorstädten, die es 2005 auch in unsere Nachrichten schafften. Und er macht deutlich, dass die Gewalt, die sich hier eruptiv Bahn brach, von Menschen ausging, denen eine gleichberechtigte Partizipation an der Gesellschaft, in der zu leben sie sich oft nicht aussuchen konnten, verweigert wird.

 

(c)Argument Verlag Hamburg (c)Argument Verlag Hamburg

Dominique Manotti ist die Meisterin des politischen Krimis in Europa

Manotti nimmt ihre Leser mit in ein kleines Vorstadt-Kommissariat. Wer hier neu ist, braucht nicht lang, um zu begreifen, wie der Hase läuft. Schon an ihrem ersten Tag muss sich die Hilfspolizistin Isabelle Lefèvre gegen den sexuellen Übergriff eines Vorgesetzten wehren. Und der idealistische Sébastien Doche macht im Anzeigenbüro die Erfahrung, dass Fälle, bei denen von vornherein feststeht, dass sie nicht zu lösen sind, gar nicht erst aufgenommen werden – schließlich soll die Aufklärungsrate nicht in den Keller sacken. Rassismus ist an der Tagesordnung. Und jeder schließt die Augen, wenn dem Kollegen an seiner Seite mal die Hand ausrutscht.

 

Wie im Kleinen vor Ort, so im Großen hinter den Kulissen. Da zieht die Kommissariatschefin Le Muir die Fäden, eine Intima des Innenministers, die dessen Strategie der Eindämmung der durch Immigranten verursachten Unruhen mit allen Mitteln umzusetzen gedenkt. Dass sie dabei gegen Gesetze verstoßen muss, die zu verteidigen sie eigentlich da ist, ist eine Paradoxie, an der sie sich nicht stößt. In ihrem Auftrag machen Schlägerbanden der Polizei gemeinsame Sache mit der Unterwelt. Und ein Leben gilt wenig, wenn es den Interessen widerspricht, die sich die eiskalt denkende Karrierefrau aufs Panier geschrieben hat.

 

»Es gibt die Ghettos, und es wird sie noch lange geben.«

Als Gegenspielerin von Le Muir tritt in Einschlägig bekannt eine Figur auf, die der Manotti-Leser schon kennt. Noria Ghozali hat bereits in Roter Glamour eine wichtige Rolle gespielt. War sie da noch Debütantin,  hat es die arabischstämmige Polizistin inzwischen weit nach oben geschafft. Und liebend gern wäre sie der Stein, über den die aalglatte Le Muir ins Stolpern käme. Doch am Ende hat sie keine Chance, mit dem Filz, den sie durchschaut, abzurechnen. Der wäscht sich das Blut von den Händen, indem er ein paar Nebenfiguren über die Klinge springen lässt, und macht da weiter, wo er für einen kurzen Moment unterbrochen wurde.

 

Dominique Manotti schreibt politische Literatur par excellence. Ihre Sympathie gehört eindeutig jenen, die kaum Chancen haben, in einer Gesellschaft Gehör und Mitgefühl zu erlangen, in der sie nie etwas anderes als Außenseiter waren. Die größte Kunst dieser Autorin aber besteht darin, ihren Protest gegen die Verhältnisse in die Form von Thrillern zu kleiden. Deren Realismus ist in unserer Zeit genauso erschütternd, wie es jener Zolas vor gut anderthalb Jahrhunderten war. Einschlägig bekannt  ist in diesem Sinne nur ein weiterer Schritt zu Manottis ganz persönlichem »J’accuse ...!« Einer Anklage, der viele, viele Leser zu wünschen sind.  

 

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