Tief im Brunnen der Vergangenheit
Peter Henning erzählt uns in sehr ausschnitthaften Momentaufnahmen von Einzelschicksalen, die alle im Verlauf ihres Lebens mehr oder weniger starke Enttäuschungen erlebt haben, die mit ihrer Vergangenheit zu brechen suchten und trotz allem dem Brunnen der Vergangenheit nie entronnen sind. Diese Gemeinsamkeit würde jedoch aus den 31 Einzelepisoden noch keinen Roman stricken, wäre da nicht das Beben, das Freiburg und das Umland eines Morgens erschüttert. Denn dieser Moment der Erschütterung ist es, der all diese Geschichten auf feine Art indirekt miteinander verbindet.
Die Episoden werden zeitlich zueinander geführt und können von diesem Moment her gedeutet werden. Wie bei Kleists Erdbeben in Chili werden durch das Beben unerwartete Ereignisse ausgelöst: Ein Pferd rennt in einen Zug, Begegnungen und Wiederannäherungen werden möglich. Ein Autor, der zufällig in einem Hotelzimmer sitzt, und bereits in einer längeren Schreibblockade verharrt, wird durch die Erdbewegung zu einem neuen Titel Leichtes Beben angeregt. Vielleicht eine Schlüsselszene für Hennings Romanentstehung?
»Manthey hatte alles ausprobiert. Alkohol, synthetische Wachmacher, ja, sogar Haschisch hatte er geraucht. Ohne Erfolg. Denn nachdem die Wirkung des Stoffs nachgelassen hatte und er das Geschriebene am nächsten Morgen las, war das Resultat jedes Mal das gleiche gewesen, und er riss das beschriebene Blatt grimmig aus der Schreibmaschine und warf es zu den anderen in den Papierkorb.« Das Beben, das alle Angestellten und Gäste des Hotels die Flucht ergreifen lässt, wird für Manthey jedoch zum Auslöser für einen Roman, in dem er Biografisches und Meldungen aus den Nachrichten verarbeitet, und dem er »den Titel Leichtes Beben geben« wird.
Die einzelnen Episoden werden außerdem mehr und mehr miteinander verknüpft, sei es durch zufällige Begegnungen der einzelnen Personen, sei es durch äußere Begebenheiten, sei es durch motivische Verbindungen. Henning erzählt nie vollständig, umfassend, bis ins letzte Detail. Wenn er erzählt, lenkt er den Blick des Erzählers auf Zufälligkeiten, auf Gedanken, auf Typisierendes. »Der jüngste der drei Wartenden trug eine schwarze Kapuzenjacke, Jeans und schwere, ebenfalls schwarze Stiefel; er las in einer graphic novel, die den Titel Ein indianischer Sommer trug. Das Heft war lange vergriffen gewesen, doch nun endlich wieder neu aufgelegt worden. Raik Maas liebte die Corto Maltese-Reihe...«
Kein Detail scheint von Peter Henning jedoch willkürlich erzählt zu sein, alles ist stimmig. Der Roman enthält nichts ganz wirklich Neues. Jedoch ist er bestrickend erzählt. Sehr zu empfehlen!