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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 04:50

Michael Köhlmeiers Märchen-Dekamerone: Eine Weltreise in hundert Geschichten

12.12.2011

Wo das Erzählen noch geholfen hat

Märchenbücher müssen dick sein und geheimnisvoll wirken, so ähnlich wie Zauberbücher voller magischer Zaubersprüche. Und genau so sieht Michael Köhlmeiers Sammlung von 100 Märchen aus: ein unheimlicher Rabe auf uraltem Pergament wartet nur darauf, dass wir uns an 100 Geschichten aus aller Welt wagen. ANDREA WANNER hat sich von der Beschwörungsformel »Es war einmal …« in Bann ziehen lassen.

 

Märchen gehören zu den Dingen, an denen kein Kind vorbeikommt. Es gibt sie in allen Kulturkreisen. Sie gehören zu einer bedeutenden und sehr alten Textgattung, die primär mündlich überliefert wurde – und meistens besiegt das Gute das Böse. Wir sind mit ihnen groß geworden und erinnern leisen Grusel und wohlige Schauer. Michael Köhlmeier, Jahrgang 1949 und in Hohenems/Vorarlberg aufgewachsen, wo er auch heute lebt, macht da keine Ausnahme. Märchen sind für ihn eng mit der Erinnerung an seine Großmutter verbunden und einem Band Grimms Märchen, für den sie – oder ihre Großmutter, einen Leinenumschlag genäht und bestickt hatte.

 

Fasziniert von dem Phänomen, dass sich Motive weltweit ähneln und wiederholen, ohne dass sich die entsprechenden Kulturen je austauschen konnten, greift Köhlmeier in seinem Vorwort den die Theorie von C.G. Jung auf vom kollektiven Unbewussten und den Archetypen. Mit diesen Überlegungen lassen sich Übereinstimmungen erklären, lässt sich verstehen, warum Märchen aus fernen Ländern uns nicht vor unlösbare Rätsel stellen, sondern wir darin auch uns und unsere Welt wiederfinden.

 

Eine Weltreise

Die Aufgabe, die Köhlmeier zu meistern hatte, ist eine wahre Herkulesaufgabe: aus etwa 30 000 Märchen, viele davon gesammelt in den legendären „Märchen der Weltliteratur“, die der Verleger Eugen Diederichs zusammen mit dem Germanisten Friedrich von der Leyden und dem Märchenforscher Paul Zaunert ab 1912 als Reihe herausbrachte, 100 auszuwählen. Ein Extrakt des „Weltkulturdenkmals“ wie Köhlmeier es nannte. 100 Märchen, die sich zu einer Reise um die Welt zusammenfügen. Naheliegend wäre eine geographische Sortierung gewesen: Märchen aus Europa, Märchen aus Asien …, wie es die über 150 Bände der Reihe getan hatten.

 

Köhlmeier hat sich für einen anderen Weg entschieden. Er hat sie – in Erinnerung an seine Großmutter und ihren Hang „in den banalen Dingen etwas beispielhaftes zu sehen“ – und hat sie nach Motiven geordnet. Die Tür, Bruder und Schwester, Drei, In die weite Welt hinaus, Die Tiere, Der Böse, Niemandes Kind, Verwandelt, verzaubert, verflucht, Der Tod und Die Liebe lauten die Überschriften, unter denen sich Märchen begegnen, die aus ganz unterschiedlichen Teilen der Welt stammen. Der böswillige Bruder aus der Karibik, Marlu und Yabu, die Geckobrüder aus Australien oder das uns so vertrauten Paar Brüderchen und Schwesterchen erzählen alle von dem Verhältnis von Geschwistern. Und die Liebe begegnet und in König Drosselbart ebenso wie Rosalindo und Rosalie aus Chile. Zu jedem der Gesichtspunkte hat Köhlmeier einen einleitenden Text geschrieben, der einstimmt und Fragen aufwirft, der auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinweist und der immer wieder sehr persönlich gehalten ist.

 

Jedes Märchen hat einen kurzen, abschließenden Satz: »So wird in Japan erzählt«, »So wird in der Türkei erzählt«, »So wird im Sudan erzählt« - und man fühlt sich fremden Ländern plötzlich nah.

 

Ein Hausbuch für alle

Dieses über 700 Seiten dicke Buch wünscht man sich als Geschenk unterm Weihnachtsbaum. Kein Paket, das einem einzelnen gehört, sondern ein Hausbuch für die ganze Familie, aus dem an langen Winterabenden ganz altmodisch vorgelesen werden kann. Es hat keine Bilder und auch durchaus grausame Märchen – also richtet es sich nicht an Familien mit ganz kleinen Kindern, denen bunte Bilder eine heilere Märchenwelt präsentieren dürfen.

 

Was man sich noch wünscht, ist eine »beste Erzählerin«, wie Köhlmeiers Großmutter es war, die die Märchen aus diesem Buch vorliest, mit einer Stimme, die nie laut wird, die fast schon monoton erscheint und den Zuhörer in einen Zustand versetzt »zwischen Wachen und Schlafen, in dem die vernünftige Hierarchie von Wesentlichem und Unwesentlichem sehr flach wird, so dass fast alles wesentlich erscheint, weil fast nichts mehr unter dem Diktat der Vernunft steht, sondern alles sich an Leben und Sterben misst, und in den Geschichten ging es ja genau darum.« Und dann beginnt sie mit leiser Stimme: »Es war einmal …«

 

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