Eine Weltreise
Die Aufgabe, die Köhlmeier zu meistern hatte, ist eine wahre Herkulesaufgabe: aus etwa 30 000 Märchen, viele davon gesammelt in den legendären „Märchen der Weltliteratur“, die der Verleger Eugen Diederichs zusammen mit dem Germanisten Friedrich von der Leyden und dem Märchenforscher Paul Zaunert ab 1912 als Reihe herausbrachte, 100 auszuwählen. Ein Extrakt des „Weltkulturdenkmals“ wie Köhlmeier es nannte. 100 Märchen, die sich zu einer Reise um die Welt zusammenfügen. Naheliegend wäre eine geographische Sortierung gewesen: Märchen aus Europa, Märchen aus Asien …, wie es die über 150 Bände der Reihe getan hatten.
Köhlmeier hat sich für einen anderen Weg entschieden. Er hat sie – in Erinnerung an seine Großmutter und ihren Hang „in den banalen Dingen etwas beispielhaftes zu sehen“ – und hat sie nach Motiven geordnet. Die Tür, Bruder und Schwester, Drei, In die weite Welt hinaus, Die Tiere, Der Böse, Niemandes Kind, Verwandelt, verzaubert, verflucht, Der Tod und Die Liebe lauten die Überschriften, unter denen sich Märchen begegnen, die aus ganz unterschiedlichen Teilen der Welt stammen. Der böswillige Bruder aus der Karibik, Marlu und Yabu, die Geckobrüder aus Australien oder das uns so vertrauten Paar Brüderchen und Schwesterchen erzählen alle von dem Verhältnis von Geschwistern. Und die Liebe begegnet und in König Drosselbart ebenso wie Rosalindo und Rosalie aus Chile. Zu jedem der Gesichtspunkte hat Köhlmeier einen einleitenden Text geschrieben, der einstimmt und Fragen aufwirft, der auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinweist und der immer wieder sehr persönlich gehalten ist.
Jedes Märchen hat einen kurzen, abschließenden Satz: »So wird in Japan erzählt«, »So wird in der Türkei erzählt«, »So wird im Sudan erzählt« - und man fühlt sich fremden Ländern plötzlich nah.