Eben erschienen ist außerdem noch ein allerliebstes, hübsch gemachtes Büchlein im praktischen Handtaschenformat: in rotes Leinen gebunden, aber biegsam. Kurz, das ideale Weihnachtsgeschenk für alle, die wissen wollen, wie dieser unvorstellbar produktive, ungemein populäre und unübersehbar politische Weltautor wohl privatim so war. Es ist eine Collage aus Texten und Erinnerungen einiger der zehn Kinder, die Dickens' Frau Catherine zwischen 1837 und 1852 zur Welt gebracht hatte und von denen eins noch als Baby starb.
Der Charles Dickens, den Charlie, Kate und vor allem Mary schildern, ist selbst für heutige Zeiten erstaunlich emanzipiert: »in jeder Hinsicht ein Familienmensch«, dem keine häusliche Angelegenheit »zu trivial schien«, der sich aufmerksam um die Kinder kümmert und »das kleine wunde Herz« zu trösten versteht. Der Schöpfer einer ganzen Phalanx literarischer Archetypen mit »sprechenden Namen« versieht auch seine Kinder mit vielsagenden Spitznamen, Kate zum Beispiel, die hitzköpfige Drittgeborene, heißt allgemein »Lucifer Box«. Gleichzeitig ist er, mit einem heutigen Wort, ein Workaholic, der nebenbei auf Lesereisen durch die halbe Welt tourt und auch noch Bühnenauftritte hinlegt, wenn er nicht gerade schreibt. Sein Arbeitszimmer hat dennoch kein Zutrittsverbot wie zum Beispiel das von Thomas Mann. Und dabei ist jede der verschiedenen Familienwohnungen obendrein bevölkert von sämtlichen literarischen Figuren, die er gerade in Arbeit hat. Charlie, der Älteste, ist im Nachhinein sicher, »dass die Kinder seines Geistes für ihn manchmal realer waren als wir.«
Schluriges Laisser-Faire ist das Familienleben dennoch nicht. Der erzieherische Dreisatz von Vater Charles heißt Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiß. Mit Hilfe solcher geschmähten »Sekundärtugenden« hatte er selbst die Traumata aus bitter-armer Kindheit und Klassendünkel überlebt und seine eigene Erfolgsgeschichte organisiert, aber er hatte sie auch so verinnerlicht, dass sein früher, jäher Tod nur logisch erscheint. Mit einem anderen heutigen Wort: als totales Burn-Out.
Die Erzählungen über diesen Tod von Kate und Mary, der Zweit- und der Drittältesten, sind anrührend. Sie sind allerdings auch »familientauglich« zensiert, so wie manches andere. Von »unserer Mutter« Catherine zum Beispiel ist kaum die Rede – die war von »unserm Vater« recht schnöde abserviert worden, nachdem er sich in eine sehr viel jüngere Schauspielerin verliebt und sie zur – natürlich verheimlichten – Muse erkoren hatte. Dieses glückliche, geistvolle und sehr viktorianische Familienleben mit Hund und Katz, Spiel und Spaß, Haus und Garten ist also nur die eine Seite.
Die andere, nicht weniger viktorianische, »dunkle« Seite wird in diskreten Zwischentexten nachgetragen vom kenntnisreichen und sprachgewandten Alexander Pechmann. Eigentlich müsste er als Autor-Herausgeber in der Titelei stehen. Er hat die Texte der Kinder nicht nur zusammengestellt und zum ersten Mal übersetzt – vor allem die Hauptquelle, Mary Dickens' Memoiren My Father As I Recall Him –, er hat sie auch kommentiert und zu einem runden, grob chronologischen Ganzen komponiert. Zu einem Buch, das tatsächlich Behagen bereitet. Und zwar ganz und gar nicht im deutsch-biedermeierlichen Sinn.