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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 04:55

Viola Rohner, Erhard Dietl: Frohe Weihnachten, Herr Juri

19.12.2011

Vom Glück des Andersseins

Was ist eigentlich normal? Dass man sich zum Schlafen ins Bett legt und in der Küche isst? Dass Männer Herrenschuhe tragen? Herr Juri lebt anders, er schläft im Schrank und liegt nachts unter der Bank vor dem Haus. Viola Rohner und Erhardt Dietl erzählen von ihm und seinem Weihnachtsfest. Von SUSANNE MARSCHALL

 

In Damenschuhen stöckelt er durch die Gegend, und seine gelbgepunktete Kinderhose ist so kurz, dass man seine dürren, stoppelhaarigen Beine sieht. Darüber trägt er ein weißes Totenhemd und auf dem Kopf einen riesigen, schwarzen Zylinder mit einem roten Band. Seine zauseligen, dunklen Haare flattern lustig im Wind, und sein spärliches Ziegenbärtchen steht neugierig vom Kinn ab. Mit kleinen Knopfaugen schaut er fröhlich in die Welt, und unter seiner langen Gurkennase hat es sich ein breiter Lachmund bequem gemacht. Herr Juri ist kein Clown in einem Zirkus, er hat sich auch nicht für ein Theaterstück kostümiert: Er ist ein komischer Kauz, und es macht ihm sichtlich Spaß, anders zu sein.

 

Die Welt auf den Kopf gestellt

Er schläft zum Beispiel in seinem Schrank, und zwar tags, weil er nachts arbeitet. Gemütlich wie in einer Kuschelhöhle ist es dort mit den großen, bunten Plüschkissen, und es gibt sogar ein Regal mit Büchern, ein Bild und Lampen hat er auch aufgehängt. Das Bett hat Herr Juri zur Dusche umfunktioniert, das Bad zur Küche, und die Dusche zum Esszimmer. Zum Frühstück mag er »Socken in Suppe«, und wenn er noch nicht aufstehen will, holt er sich die Suppe an sein Schrankbett und tunkt genüsslich eine rote Socke hinein. Zu Mittag isst er Nudeln, aber natürlich nicht mit Hackfleischsauce, sonst wäre er ja nicht Herr Juri: Mit Nägeln garniert er sein Essen und freut sich schon auf das Abendbrot: »Würste auf Wachs«. Danach liegt er unter der grünen Bank vor seinem Haus, trinkt ein Glas Wein und beobachtet den Mond und die Sterne.

 

Das ist aber nicht alles: Herr Juri fühlt sich nicht nur pudelwohl in seinem eigenen Kosmos, wo das Normale einen Purzelbaum rückwärts macht und die üblichen Regeln nicht gelten. Mit großer Lust stellt er auch die Welt der Wörter und Begriffe auf den Kopf: »Seinen Hund nennt er Schaf. Und seine Katze ruft er Schwein. Und nur zu seinem Fisch sagt er Fisch. Aber der hört ihn ja nicht.« An Weihnachten allerdings »will Herr Juri alles so, wie es sein muss«. Da zieht er einen langen, roten Wintermantel an, »wie ihn der Weihnachtsmann trägt« und stapft mit dicken Stiefeln durch den Schnee. Er steht früh auf, macht jeden Tag ein Türchen an seinem Adventskalender auf, backt Lebkuchenherzen, schmückt seinen Weihnachtsbaum mit roten Kugeln, Sternen und Kerzen und brät sich eine Weihnachtsgans mit Kartoffeln und Erbsen. Und er freut sich an Heilig Abend über den Engel, »der ihn mit einer feinen, hellen Glocke ins Wohnzimmer ruft«.

 

Einen unvoreingenommen Blick auf die Welt werfen

In schwebend leichtfüßigem Ton erzählt Viola Rohner in Frohe Weihnachten, Herr Juri von einem Sonderling. Sie mag ihn, diesen schrägen Vogel, der zu allen immer freundlich und liebenswürdig ist und so lebt, wie es ihm gefällt. Nicht aus Trotz oder Enttäuschung, oder um etwas Besonderes zu sein, um anzugeben. Sondern einfach weil er in seiner kunterbunten Welt glücklich ist. Sie macht kein Aufhebens darum, das hätte Herr Juri auch gar nicht gewollt: Leise und fast ein bisschen nebenbei lässt Rohner uns einen Blick in sein malerisches Leben werfen, und da ist kein Wort zu viel und keines zu wenig. Denn da sind ja noch die kongenialen, farbenfrohen Radierungen von Erhard Dietl, die Herrn Juri und seine Welt so lebendig werden lassen. In liebevollen Details das erzählen, was die kurzen Texte zwischen den Worten duftig hintupfen. Etwa, wenn der Hund einen Knochen auf seiner Nase balanciert oder die Katze Mäuse an der Leine spazierenführt, ein Marienkäfer mit einem kleinen, grünen Schirm durch den Regen trabt, das Sofa Schuhe anhat.

 

Es ist ein philosophisches Bilderbuch, in dem Rohner und Dietl das sogenannte Normale spielerisch in Frage stellen. Ohne Wertung, ohne Urteil. Das Kindern Raum gibt, Neues auszuprobieren, jenseits des Üblichen, und einen freien, unvoreingenommen Blick auf die Welt zu werfen. Wie Herr Juri: Den juckt es nämlich überhaupt nicht, dass die Erwachsenen über ihn spötteln und sticheln, weil er weiß, was er will, es tut und fröhlich dabei ist. Ein Buch, das sie zum Fabulieren und Erfinden einlädt, zum Jonglieren mit Wörtern, jenseits schmalspuriger Kategorien und allgemeingültiger Normen.

 

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