von Michael EbmeyerAndrea Maria Schenkel: Finsterau"Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniertEli Pariser: Filter BubbleDer FUTTERblog - streng verdaulich!Kennzeichen T - 28.04.2012
»Ernst nehmen« und »ernst meinen« sind unterschiedliche Dinge. Die aktuelle Nummer des Exot. Zeitschrift für komische Literatur ist ein Lehrstück darüber. Von JAN FISCHER
Denn wer glaubt, dass Humor, Lustiges, Komisches nicht ernst gemeint ist, und dies deshalb nicht ernst nimmt, der verkennt das subversive Potenzial des Humors. Denn das ist ja, wo die Narrenfreiheit herkommt: Wenn man darüber lachen kann, dann tut es nicht weh. Wenn es unterhält, dann tut es nichts anderes. Dann zählt es irgendwie nicht. Was im Umkehrschluss heißt: der Narr, der Lustige, der Komische muss damit leben, dass er oft nur als Spaßmacher verstanden wird. Aber dafür darf er alles, und niemand regt sich darüber auf. Die Freiheit des Komischen wird durch nichts eingeschränkt, solange es komisch ist. Der Narr darf alles, außer ernst sein. Was – und das ist das Missverständnis, aus dem sich seine Freiheit nährt – nicht heißt, dass er es nicht ernst meint.
Kein Witzblättchen
Gerade deshalb sollte man den Exot nicht als Witzblättchen verstehen. Sondern als Literaturzeitschrift, die unter dem Deckmantel des Komischen eine Experimentierbude für Textformen, Inhalte, Ideen ist, die sonst wahrscheinlich nirgends abgedruckt würden. Nicht, weil sie schlecht wären. Sondern weil sie für die Torwächter der ehrwürdigen künstlerisch wertvollen Literatur zu lustig sind. Zu abgefahren. Nicht einzuordnen. So wie der Einstiegstext von Dietmar Dath, vielleicht, der am ehesten als kontrollierte Crossover-Sprengung der Science-Fiction-Reihe Perry Rhodan zu beschreiben wäre, in dem sich aber noch viel mehr als das verbirgt. Oder der bittersüße Text Barbecue von Joanna Maxl, der irgendwo zwischen Mid-Twenties-Betroffenheitsgeschichte, surrealer Traumbilderfabrik und Horrorgroteske vor sich hinschillert. Oder der der Text Die Clowns-Puppe des Amerikaners Thomas Ligotti, der sich eifrig bei Poe, King und Lovecraft bedient, und einen irrsinnig schwarzhumorigen Text daraus zusammenkocht. Die aktuelle Nummer des Exot rührt das zusammen mit noch ein paar Essays, Karikaturen und ein wenig Lyrik, und ist am Ende etwas, das kaum noch als Zeitschrift zu bezeichnen ist.
Keine Ernsthaftigkeitsfalle
Vielmehr ist der Exot ein Buch, eine vollwertige Anthologie, in der sich zwei, drei wirkliche Entdeckungen verstecken, und selbst die durchschnittlichen Texte – was ja für eine Anthologie auch nicht immer selbstverständlich ist – lesbar sind. Das Schöne daran ist, wie sehr die Texte – fast allesamt – sich von pointenverliebten Lesebühnen- oder Slamtexten unterscheiden, und die eher subtileren, feineren Ecken der Komik ausloten, jeder auf seine Weise: Alle Texte im Exot sind ernst gemeint. Aber sie nehmen sich selbst dabei nicht ernst, sie tappen nicht in die melancholische Ernsthaftigkeitsfalle, in der verkunstete junge Literatur sich gerne mal suhlt. Das macht den Exot zu einem tatsächlichen Exoten, zu einer Anthologie, die sich wirklich lohnt zu lesen: Wer lachen will, kann lachen. Und wer sich anschauen will, wie das geht, etwas ernst zu meinen, aber es nicht ernst zu nehmen, für den ist der Exot ein luftig-lockeres Soufflé von einem Lehrstück.
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